Weihnachtssingen in der Arena in Düsseldorf: Mehr Zuhören als Mitsingen

Konzerte : So war es beim Weihnachtssingen in der Düsseldorfer Arena

Mehr als 30 000 Besucher sind zum ersten Weihnachtssingen in die Düsseldorfer Arena gekommen. Lagerfeuer-Mitsing-Stimmung kann dort aber nur schwer entstehen.

Entschlossene Besinnlichkeit. Und zwar mit drei Ausrufezeichen und fett gedruckt. Und mit Lametta. So lässt sich das erste „Große Weihnachtssingen“ am Sonntagabend in der Arena zusammenfassen. Mit Kitsch muss man hier klarkommen. Ungefähr 30 000 Menschen sind gekommen, um zu singen. Und doch mussten sie oft eher zuhören.

Schon das erste Lied gibt die Marschrichtung vor: Das „Gloria“ wird von einem Solo-Trompeter gegeben, begleitet von Orchester und sanftem Schlagzeug. So trägt das Lied ein kleines Schlager-Mäntelchen. Das Publikum setzt etwas zaghaft ein, manche trauen sich dann aber doch, mitzusingen. Schließlich war das noch vor der offiziellen Begrüßung.

Die räumliche Situation in der Arena: Auf Leinwänden werden die Texte angezeigt und das Bühnenprogramm übertragen, die Bühne steht in der Mitte der Halle. Dort sitzt auch das Orchester. Dort treten auch die Stars des Abends auf: Paul Potts, Patricia Kelly, Brings. Das, was auf der Bühne alles passiert, ist unheimlich weit weg von den Mitsingern im Publikum. Wirkliche Lagerfeuer-Mitsing-Stimmung kann da nur schwer entstehen. Und so ist es streckenweise recht ruhig auf den Rängen, während unten die Show passiert. Es wird fast öfter rhythmisch mitgeklatscht als gesungen, etwa bei „Oh Happy Day“ mit dem New Life Gospel-Chor.

Das Publikum singt zum Teil nur sehr schüchtern mit

Patricia Kelly ist die erste, die das Publikum fordert. Bei „Es ist ein Ros entsprungen“ hört sie plötzlich auf zu singen, reckt das Mikrofon in die Höhe — und dann lässt sich erleben, wie es klingt, wenn 35 000 Menschen schüchtern singen. Zu diesem Titel passt das aber außerordentlich gut. Zu „O Tannenbaum“ aber nicht, dem hätte etwas mehr stimmlicher Mut im Publikum sicher gutgetan. Übrigens werden fast alle Lieder von besagtem Orchester und sanftem Schlagzeug begleitet. Sie tragen alle das Mäntelchen.

Manche Lieder sind für das Publikum zu schwer, was auffällt, als der Uni-Chor Bonn „Deck the Halls“ zum Besten gibt. Brings singen „Liebe gewinnt“, das anscheinend auch nur wenige kennen. Da hat das Weihnachtssingen erneut wieder mehr Konzert-Charakter, etwas, das immer wieder an diesem Abend passiert.

Und dann dreht sich das Ganze noch etwas. Innerhalb der etwa vier Minuten, die „Liebe gewinnt“ dauert, erwacht im Publikum so etwas wie Mut, der Refrain wird lautstark mitgeschmettert. Großer Applaus. Übrigens auch für die Düsseldorf-Sprüche der Kölner Musiker. Der rockige Party-Hit „Halleluja“ von Brings funktioniert bestens, manche im Publikum reißt es aus den Sitzen, sie klatschen und ja, sie singen auch. Schließlich wird hier aber auch alles andere als sanftes Schlagzeug gespielt. Kein Schlager-Mäntelchen. Dafür karierte Hosen und Stroboskop-Licht.

Zurück zu den klassischen Weihnachtsliedern. Auch „Alle Jahre wieder“ trägt das Schlager-Mäntelchen. Nur „Leise rieselt der Schnee“ kommt eher jazzig daher. Bei anderen Liedern wieder sind die Arrangements musikalisch sicher anspruchsvoll, zum Mitsingen aber zu kompliziert. Tempi-Wechsel — etwa bei „We wish you a merry Christmas“ — können das Publikum ja nur überraschen.

Selfmade-Tenor und TV-Show-Überraschung 2007 Paul Potts träumt von einer weißen Weihnacht. Das Lied, zuckersüß verziert mit Geigen und, schon wieder, sanftem Schlagzeug, glitzert mit seinem Anzug um die Wette.

Als der Uni-Chor Bonn „Es kommt ein Schiff gefahren“ singt, ist das einigen im Publikum offenbar viel zu leise — mitsingen können sie das schwierige, mehrstimmige Lied auch nicht, also pfeifen sie, schreien „lauter!“ Auch bei der Weihnachtsgeschichte, die Moderatorin Claudia Monreal vorliest, gibt es wieder unangenehme Pfiffe. Und da ist er wieder, der Spagat zwischen Show und Mitsing-Abend. Letzteres kam wohl noch etwas zu kurz.

Der Termin für das nächste Weihnachtssingen steht übrigens schon fest, es ist der 15. Dezember 2019. Vom Düsseldorfer Versuch, den Zuschauer-Rekord zu brechen, war man dieses Jahr noch weit entfernt, dafür hätte es 50 000 Menschen gebraucht. Vielleicht klappt es ja nächstes Jahr.

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