Wegsehen ist keine politische Lösung

Wegsehen ist keine politische Lösung

Ein Kommentar von Juliane Kinast.

Im Grunde sucht Düsseldorf gern den Vergleich mit anderen Städten. Schließlich gibt es für die Stadt meist keinen Grund, ihn zu scheuen. Sie ist oft ganz vorne mit dabei - und stolz darauf. Bei prekären sozialen Themen hingegen dreht sich Düsseldorf genauso oft verschämt weg. Das ist eine durchaus natürliche Reaktion - aber sie ist absolut untragbar.

Sicherheit soll in Düsseldorf selbstverständlich sein. Aber sie ist es nicht für jene, die in ihrem Leben gestrauchelt sind. Die durch ihre Sucht in eine Situation abgeglitten sind, die sich wohl kaum jemand vorstellen kann. Es ist offensichtlich, dass die Politik in dieser Stadt nicht für solche Menschen gemacht wird.

Schon der Einrichtung des Drogenkonsumraums an der Erkrather Straße ging eine jahrelange Diskussion voran - Ambulanzen, in den Heroin ausgegeben wird, haben andere Großstädte in Deutschland eröffnet; Düsseldorf nicht.

Berührungsängste sind verständlich. Immerhin weiß man, dass die Prostituierten an der Charlottenstraße ihren Körper verkaufen, um damit verbotene Drogen zu finanzieren. Aber man weiß inzwischen auch, dass der Strich sich nicht in Luft auflösen wird.

Stillschweigende Akzeptanz und Wegsehen sind keine politischen Lösungen. Denn: Keine Frau - auch nicht eine abhängige und wohnungslose - hat es verdient, von Freiern vergewaltigt zu werden. Auch sie hat ein Recht auf die Sicherheit, die in dieser Stadt so großgeschrieben wird.

Immerhin: Ein Umdenken gibt es. Etwa bei der Justiz. Längst wird den Prostituierten in Verfahren gegen brutale Freier Glauben geschenkt - und hart geurteilt. Auch die Polizei verfolgt Gewalttaten gegen Prostituierte streng - nicht aber die Prostitution im Sperrbezirk.

Und andere Städte haben vorgemacht, wie ein moderner Umgang mit dem ältesten Gewerbe aussieht. Niemand verlangt von Düsseldorf voranzugehen. Aber nachmachen sollte es unbedingt.

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