Was die Kunstszene in Düsseldorf alles bietet und woran es hapert

Gastkommentar : Düsseldorf ist eine Stadt, die für alles und nichts steht

Modestadt, Kunststadt: Düsseldorf ist vieles, findet unser Gastautor Wolfgang Rolshoven.

Im nationalen wie internationalen Kontext steht Düsseldorf für vieles, aber sicher nicht für Bescheidenheit. So ist der muntere Rheinländer eben. Am liebsten wäre er alles. Alles, was glänzt, und alles, was Eindruck macht. Manchmal hat man den Eindruck, der Lackschuh sei hier erfunden worden und werde auch hier produziert. Nur hier, versteht sich.

Über die Jahre hat sich Düsseldorf an vielen Labels abgearbeitet: Düsseldorf, die Stadt der Mode, der Messe, des Sports, des Luxus, der Wirtschaftsanwälte, der Kreativen, der Industrie, auch die Stadt der Literatur, Musik und der Kunst. Frank Schrader, der Chef der Tourismus und Marketing GmbH, hat herausgefunden: Düsseldorf steht irgendwie für alles und damit aber auch für nichts. Es fehle ein Markenkern, sagen Beobachter draußen.

Die Düsseldorfer Jonges erleben in den letzten Jahren ein Mitgliederwachstum, weil sie einen Markenkern haben. Seit 1932 schon. Ich weiß von Neumitgliedern, wie sehr sie die Identifikation schätzen. Wir stehen für vieles, was sich bewegt oder bewegen lässt, aber eben auch nicht für alles.

Presseschießen St. Sebastianus, Schützenfestzelt St. Wolfgang Rolshoven. Foto: Judith Michaelis

Zu unserem Markenkern gehören Preise, genauer gesagt Förderpreise. Wenn wir Förderpreise für junge Architekten, für den musikalischen Nachwuchs, für begabte Wissenschaftler, junge Handwerker oder für Bildende Künstler vergeben, dann steht dahinter eine Botschaft: Wir setzen auf die Kreativität von jungen Menschen. Das nämlich ist die Hefe, ohne die wir nicht einmal schmackhaftes Bier brauen könnten.

Die Kunststadt Düsseldorf glänzt mit ihren Ausbildungsstätten. Die Akademie geht vorneweg, Museum Kunstpalast, Kunstsammlung NRW (K 20, K 21, KIT), der Kunstverein, die Kunsthalle, die Akademie-Galerie der Kunstakademie, das NRW-Forum, die Robert-Schumann-Hochschule ist mit dabei, die Clara-Schumann-Schule, das künftige Robert-Schumann-Museum, das Filmmuseum, das Hetjens-Museum, das Theater-Museum, das Goethe-Museum, die Mahn-u. Gedenkstätte, das Heinrich-Heine-Institut sowie das Tanzhaus NRW ganz sicher auch. Von den privaten Sammlungen und Galerien ganz zu schweigen. Auch die Hochschule Düsseldorf reift in den Bereichen Architektur und Design zur Größe heran.

Pflanzen suchen immer Licht. Und manchmal, selten genug passiert es dann: Dann tritt einer auf, der die Aufmerksamkeit der Medien findet und schon ein Star ist, noch bevor er es selbst merkt. Ich spreche von Leon Löwentraut, der über Nacht zum mehrfachen Millionär werden könnte, hätte er nur genügend Bilder auf Vorrat gemalt. Kunden stehen Schlange. Dieser Hype um einen jungen Maler, der von seinen Eltern und einem hiesigen Galeristen klug geführt wird, ist außerhalb der etablierten Kunsttempel entstanden. In die Museumslandschaft hat Löwentraut, den zweiten Schritt, international schon getan.

Die Kunststadt Düsseldorf hat in öffentlichen, aber auch in privaten Häusern ihre Plätze. Die Zahl solcher Plätze muss Politik vermehren. Es steht außer Frage, dass der Stadttourismus davon abhängt. Immer ist es das Neue, das Ungewöhnliche, das nie Dagewesene, was Menschen anzieht oder anlockt.

Kreativität braucht ein in gutem Sinne provozierendes Umfeld. Für die Mode hat es in den vergangenen Jahren bedauerlicherweise nicht gereicht. Hier sind Berlin und München auf der Überholspur. Das freilich kann sich auch ändern. Wer das Herausragende sucht, kann auch mal auf dem Schrottplatz landen. Kunst hat dort einen herrlichen Platz, wo man mit ihr nicht rechnet. Bürokratische Hürden sind Gift, der Ruf nach Freiheit reicht auch in die Rathäuser.

Rathaus-Politiker und -Verwalter haben gut zugehört und versuchen, den Ruf der Freiheit mit Vorschriften in Einklang zu bringen und den eigenen Geschmack nicht zum Maß aller Dinge werden zu lassen. Da und dort ist das sogar gelungen. Aus Sicht von Alain Bieber eher nicht. Ist die Kulturfraktion im Düsseldorfer Rathaus nicht gut genug aufgestellt. Man kann das so sehen. Wir haben in Düsseldorf neben dem Kulturamt den Kulturausschuss, eine Kunstkommission, Kunst am Bau, Kunst im öffentlichen Raum und weitere Institutionen für die Kulturschaffenden der Landeshauptstadt. Bei den vielen Beiräten und Kulturinstitutionen ist es für den Bürger schwer, den Überblick zu behalten. Jüngstes Beispiel ist die Einheitssäule, die renommierte Künstler aus Deutschland der Stadt schenken wollen. Der Entwurf fiel bei der Kunstkommission, die auch mit Künstlern besetzt ist, durch. Menschlich verständlich, denn die einheimischen Künstler haben so ihre Probleme mit Künstlern von außerhalb. Weiterhin ist der Standort Rheinpark problematisch, denn er steht unter Denkmalschutz. Das Denkmal der deutschen Einheit darf die Stadtgesellschaft nicht spalten. Die Stadt hat so ihre Probleme mit Kunstgeschenken. Siehe der Kopf Beuys von Anatol, der jetzt in Meerbusch steht, oder die Statue Mutter Ey von Bert Gerresheim, die jetzt auf privaten Grundstück steht. Nebenbei gesagt haben wir auch einen der bedeutendsten Maler der Gegenwart, Gerhard Richter, an Köln verloren. Markus Lüpertz, langjähriger Rektor der Kunstakademie in Düsseldorf, hat gerade ein Werk in Monheim aufgestellt.

Private Plattformen und die private Kunstszene unterliegen Beschränkungen durch Vorschriften nicht. Ein kunstveranstaltendes Bankhaus kann sich schmücken, mit wem es will. Es braucht nicht zu fragen. Und wenn ein privater Veranstalter meint, er müsse sozusagen gegen den Wind spucken, dann wird ihm niemand dreinreden. Die Düsseldorfer Jonges haben es mit ihrem Mutter-Ey-Denkmal erlebt.

Jeder Anfang ist spannend. Am Anfang des 20. Jahrhunderts war es die Wirtin Johanna Ey, die jungen Künstlern der hiesigen Akademie finanziell unter die Arme griff. Einige der Studierenden von damals haben es zu Weltruhm gebracht. Max Ernst, Otto Dix, die Bildhauer Otto Pankok und Bert Gerresheim. Bert Gerresheim hat für Mutter Ey übrigens auf privatem Grund in der Düsseldorfer Altstadt ein Denkmal geschaffen. Weil die Kulturschaffenden der Stadt dies auf öffentlichem Grund nicht wollten. Gleich neben einem nach ihr benannten Café. Ein Haus voller Spannung. Im 1. Stock zeigen heute schon Studierende, was, salopp gesagt, in ihnen steckt. So haben auch die Düsseldorfer Jonges ihre Probleme mit den Kulturverantwortlichen in unserer Heimatstadt. Heute stehen die Stadtführer mit ihren Besuchergruppen täglich vor diesem Denkmal auf dem Mutter-Ey-Platz 1 und lauschen den Geschichten über Mutter Ey.

Das Köbes-Denkmal vom impressionistischen Bildhauer Peter Rübsam konnte bis heute noch nicht der Stadt übergeben werden. Aber wir Jonges bleiben hartnäckig und suchen, wenn es mit der Stadt nicht klappt, privaten Grund und Boden, der der Öffentlichkeit zugänglich ist.

Das ganz Große beginnt halt oft im ganz Kleinen. Über einem Café, in einer Tunnelröhre, einem Geldhaus, auf privatem Grund und Boden oder einer kleinen Galerie.

Es ist wunderbar, solche Verstecke aufzuspüren. Und es ist wunderbar, zu wissen, dass es solche Verstecke in Düsseldorf gibt. Mich macht das glücklich.

Wolfgang Rolshoven ist der Baas der Jonges.

Archivfoto: JM

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