Warum die Toten Hosen um die Tonhallen-Konzerte so eine Geheimniskrämerei gemacht haben

Interview : Campino: „Die Zeiten werden immer wahnsinniger“

Die Toten Hosen veröffentlichen am Freitag ihr neues Akustik-Album „Alles ohne Strom“. Zusammen mit Bläsern, Streichern, einer Pianistin und einem Percussionisten haben sie es im Sommer bei drei Konzerten in der Tonhalle aufgenommen. Campino spricht im Interview über klassische Musik und warum sie um die Tonhallen-Konzerte so eine Geheimniskrämerei gemacht haben.

Campino, was kommt Ihnen zuerst in den Sinn, wenn Sie an die Konzerte in der Tonhalle zurückdenken?

Campino: Sehr schöne Erinnerungen. Die Herausforderung für uns war, diesen Raum in den Griff zu kriegen. Wir sind es ja nicht gewohnt, vor sitzendem Publikum zu spielen. Und ich erinnere mich, dass wir in dem Moment, als wir das erste Mal in die Halle kamen, dachten: „Das wird schwierig.“ Wir nahmen uns dann vor, uns trotzdem wohl zu fühlen und das Publikum auf andere Weise zu packen. Und um das zu schaffen, war uns klar, dass wir mehr mit den Menschen kommunizieren mussten. Anders als bei einem klassischen Rockkonzert. Da geht es ja darum, die Energie möglichst schnell hochzufahren und dann nicht mehr nachzugeben. „Eins, zwei, drei, vier“ – durch jedes Stück durchbolzen. Zudem war es ein schönes Gefühl, mit all diesen unterschiedlichen Musikern auf der Bühne zu stehen und zu sehen, dass die sich auch wohlfühlen und zu sehen, welchen Spaß sie haben. Da ist keiner irgendwie hinten runtergefallen. Das hat die Abende dann endgültig rund gemacht.

Normalerweise stehen Sie als Band zu fünft im Proberaum. Die Unplugged-Konzerte bedeuteten nun: Ohne Strom. Aber mit mehr Musikern. Wie geht das dann zu in den heiligen Hosen-Hallen?

Campino: Die Chemie im Proberaum ist mit 16 Leuten eine völlig andere als zu fünft. Aber: Wenn das dann passt, dann wird das Ganze wie ein Klassenausflug. Da ist es dann auch richtig peinlich, zu spät zu kommen…

Wer tut das bei Ihnen in der Band?

Campino: Ich. Und die anderen kommen klar damit. Beziehungsweise: Sie dulden es. Bei ihnen habe ich auch schon gar kein Schamgefühl mehr, wenn ich zu spät komme. Was eigentlich eine Schande ist. (lacht) Aber: Wenn neue Musiker dabei sind, dann will ich ja einen guten Eindruck machen. Und zwar von Anfang an. Und wenn die dann auf einen warten müssen, wird es echt unangenehm.

Wie ist das denn überhaupt für Sie, mit genrefremden klassischen Musikern oder Jazzern zu tun zu haben, aus denen die „Ohne Strom“-Besetzung besteht?

Campino: Toll! Das sind sehr liebenswerte Typen, unheimlich lustige Vögel. Und die haben alle schon richtig was erlebt. Die Bläser etwa haben bereits in zig Bands gespielt und haben Tanz- und Konzertabende jeder Art bestritten. Die Streicher wiederum halten sich in einer Welt auf, die mit uns noch weniger Berührungspunkte hat. Aber: Gerade in der Klassik findet man viele Menschen, die sich richtig in ein Instrument verliebt haben und sich aus Liebe zu diesem Instrument in diesen Zirkus hineinbegeben – ohne sich dabei exponieren zu wollen. Diese Musiker haben immer etwas Verhuschtes an sich und gehen definitiv nicht wie Otto Normalverbraucher durchs Leben. Das ist wunderschön. Und wer denkt, die können keine Gags raushauen, nur weil sie regelmäßig klassische Konzerte spielen, der ist auf dem Holzweg: Das sind echte Feierbiester.

Sie haben also dank dieser Feierbiester Ihren Frieden mit der Klassik, dem Folk, dem Jazz gemacht?

Campino: Das musste ich nicht. Nehmen wir die Klassik: Ich bin ja damit aufgewachsen und kannte durch meine Mutter so Einiges. Ich habe zwar Vieles nicht gemocht und es gab Dinge, die mir immer Angst gemacht haben – Wagner zum Beispiel. Musik, mit der man Horrorstreifen unterlegen kann. Aber es gab immer auch Werke, die ich völlig in Ordnung fand. Mozarts „Kleine Nachtmusik“ etwa. „Die Moldau“ von Smetana. Oder Schuberts „Die Forelle“.

Campino beim Konzert in der Tonhalle am 13. Juli. Foto: Enno Kapitza

Die Energie des Punkrocks wird von Musikern aus diesem Sektor trotzdem nicht erreicht, oder?

Campino: Das kommt darauf an. Wenn man sich jetzt so eine Balkantruppe anschaut, dann sind die schon ganz nah am Punkrock dran. Mit deren Geschwindigkeit kommen sogar 90 Prozent der Punkbands nicht mit. Das sind alles Wahnsinnige. (lacht) Und auch dass eine Folkband wie die Pogues in unserer Szene so abgefeiert wurde und das wir deren Wurzeln von unseren gar nicht mehr unterschieden haben, ist ein gutes Beispiel dafür. Ich sehe bezüglich dieser verschiedenen Musikgenres letztlich keine Gegensätzlichkeit, sondern bekomme die Augen geöffnet, was für Gemeinsamkeiten existieren: Es geht um Geschichten aus dem Leben, die hier wie dort erzählt werden. Und das haben wir nicht zuletzt durch unsere vielen Touren mit der bayrischen Musikgruppe Biermösl Blosn gelernt. Diese Freundschaft ist musikalisch über die Jahre zusammengewachsen, nachdem es früher zunächst nach dem Motto ging: „Die spielen irgendwas Filigranes – und wir zersäbeln das dann. Hier die Musiker. Da der Krach.“ Im Laufe der Jahre rückten wir immer näher zusammen. Und genau diese Erfahrung war ein Anstoß für uns, dieses „Ohne Strom“-Projekt zu machen.

Wenn man sich diese Konzerte in der Tonhalle vor Augen führt, dann merkt man schnell: Mit einem einfachen „Gitarre weg, Verstärker aus“ ist es nicht getan. Manche Songs – etwa „1000 gute Gründe“ als Ska-Nummer – klingen völlig anders. Sie sind wie neu.

Campino: So ist es. Man muss die Songs ganz anders arrangieren. Es hat uns nicht befriedigt, die Lieder einfach nur leise zu spielen. Wir wollten sie ganz neu für uns entdecken.

Welche Stücke haben Ihrer Meinung nach am meisten gewonnen?

„Alles ohne Strom“, das Akustik-Album mit den Aufnahmen der Tonhallen-Konzerte erscheint am Freitag. Foto: Die Toten Hosen

Campino: Eines wie „Entschuldigung, es tut uns leid“. Das hat nie jemanden interessiert. Jetzt aber, mit dem Klavier, hören die Leute endlich mal zu und lauschen auf den Text. Oder nehmen wir „Liebeslied“. Das wird plötzlich zu etwas Melancholischem. Ganz anders als sonst. Derzeit höre ich mir diese Versionen tatsächlich lieber an als das jeweilige Original.

Sie spielen auch einige Coverversionen, unter anderem von den Foo Fighters und Rammstein. Damit kann man sich ganz schön blamieren. Ergo: Das spricht für über Jahrzehnte angesammeltes Selbstbewusstsein der Toten Hosen.

Campino: Selbstbewusstsein? Sagen wir es lieber so: Es ist schon eine Herausforderung, gerade Songs von solchen Bands zu spielen. Von solchen gestandenen Gruppen. Denn da wird man knallhart am Original gemessen. Da kann man maximal okay sein, aber nicht gewinnen. Im Falle der Foo Fighters ist es sogar Majestätsbeleidigung. (lacht) Wir haben in der Vorbereitung auch viele Lieder verschiedener Künstler ausprobiert. „Boys don’t cry“ von The Cure zum Beispiel, weil ich diese Band immer gemocht habe. Oder „Because the night“ vom Patti Smith. Das war aber alles nicht so perfekt. Wir hatten auch etwas von Johnny Cash ins Auge gefasst, aber gemerkt, dass dessen Stimme einfach alles andere in den Schatten stellt. Da kann man eine Coverversion gleich bleiben lassen. Am Ende wurden es dann eben die Foo Fighters und Rammstein. Und ich kann sagen: Ich schäme mich nicht dafür. Bei den Foo Fighters war es ein aufrichtiger Beweis dafür, dass wir sie lieben. Bei Rammstein war es auch der Gedanke, dass man das nicht unbedingt von uns erwarten würde.

Wie meinen Sie das?

Campino: Sie sind völlig anders als wir. Ich habe mich erst in den vergangenen Jahren intensiv mit ihnen befasst und registriert, was für einen Humor sie haben. Sie haben definitiv Humor. Und mit dem spielen sie. Außerdem sind Rammstein in meinen Augen ein Projekt. Damit meine ich: Wir leben das, was wir auf der Bühne sind. Identifizieren uns mit den Inhalten und verteidigen sie auch. Rammstein dagegen stellen die Inhalte in den Raum und lassen sie unkommentiert. Beides ist legitim. Ich habe lange gebraucht, um das zu verstehen.

„Rolle“ – ein gutes Stichwort. Könnten Sie sich vorstellen, auf der Bühne auch mal, wie Rammstein, in eine Rolle zu schlüpfen?

Campino: Was die Musik angeht: Nein. Überhaupt nicht. Denn das, was die Toten Hosen machen, ist kein Schauspiel. Ich habe die Musik kennen und lieben gelernt durch Leute wie Joe Strummer von The Clash. Und die sind nicht in irgendeine Rolle geschlüpft. Das waren keine Projekte. Diese Musiker waren alle sie selbst.

Lästermäuler schimpfen, dass die Toten Hosen nicht nur normale Alben rausbringen, sondern mittlerweile auch zu jeder Tour eine Liveplatte, vor einigen Jahren ein Album mit Orchester („Entartete Musik“), zuletzt einen Film – und jetzt „Ohne Strom“. Sprich: „Die übertreiben und machen alles zu Geld.“

Campino: Natürlich kann man diesen Vorwurf machen. Aber ich glaube, dass jemand, der sich mit Musik auseinandersetzt, schon erkennt, dass das keine Null-Acht-Fünfzehn-Sachen sind und wir uns wirklich jedes Mal Mühe geben. Für mich geht es immer erst einmal darum, mich nicht zu langweilen. Mir hin und wieder eine Gelegenheit zu geben, die eigenen Lieder neu zu entdecken. Wir sind jetzt fast 40 Jahre unterwegs, da kann man das machen. Und solange das auch anderen gefällt, sehe ich nichts Verwerfliches darin. Es ist sogar – mehr noch – ein guter Rat: Mit denselben fünf Köchen stößt man irgendwann einmal an seine Grenzen. Da sollte man auch Neues, Anderes ausprobieren.

Warum haben Sie um die drei ursprünglichen „Ohne Strom“-Konzerte eigentlich so eine Geheimniskrämerei veranstaltet – kaum Presse, Handyverbot in der Halle? Ihnen muss doch klar sein, dass die Republik sofort aufhorcht, wenn Die Toten Hosen nur kurz husten.

Campino: Erstens ist es so: Es wird ja immer schwieriger, solche Dinge, für sich zu behalten. Denn es gibt ja mittlerweile keine Sekunde mehr von uns – damit meine ich unsere gesamte Gesellschaft – die nicht irgendwo dokumentiert ist. Wenn wir die Menschen also wirklich noch überraschen wollen, dann müssen wir uns etwas Besonderes ausdenken. Insofern haben wir den Ball in Sachen Tonhalle einfach flach gehalten und können nun die meisten Leute tatsächlich überraschen, weil sie gar nicht genau wissen, worum es geht. Das ist doch toll. Und zweitens ist das der Entwicklung geschuldet: Die Zeiten werden immer wahnsinniger. Und es ist schade, dass wir nicht einfach so plappern können, ohne dabei denken zu müssen: „Das nimmt jetzt jemand auf. Was ich sage, könnte Konsequenzen haben.“ Beispiel: Herbert Grönemeyer und seine Rede in der Wiener Stadthalle.

Ihm wurde vor allem von Rechts eine „Hassrede“ vorgeworfen, weil er während des Konzertes dort sagte: „Auch wenn Politiker schwächeln, und das ist in Österreich und Deutschland nicht anders, dann liegt es an uns zu diktieren, wie eine Gesellschaft auszusehen hat“. Es ging vor allem um das Wort „diktieren“.

Campino: Und das wäre doch früher nie Thema geworden! Wir aber hören jetzt diese aus dem Zusammenhang gerissenen Fetzen im Internet – und wissen gar nicht, warum er so aufgeregt war. Vielleicht hat er in diesem Moment genau den richtigen Ton getroffen, der sich einfach nur übertrieben anhört, weil wir den Hintergrund nicht kennen.

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