Warum der Kö-Papagei ein echter Düsseldorfer ist

Tierwelt : Warum der Kö-Papagei ein echter Düsseldorfer ist

Der Halsbandsittich beherrscht das Spiel des Sehen und Gesehen-Werdens, lebt zudem modern und großstadttauglich. Doch hinter seiner Fassade geht es ums nackte Überleben.

Vom Migranten bis zur Einbürgerung ist es ja bereits ein langer Weg. Dann auch noch den Migrationshintergrund loszuwerden, benötigt in Deutschland oft noch mehr Zeit. Einer der Zugereisten kann da im wahrsten Sinne des Wortes ein Liedchen von singen: Der Kö-Papagei, genauer, der Halsbandsittich.

Eigentlich in Asien und Afrika beheimatet, hatte sich die erste Kolonie Anfang der 80er Jahre in Düsseldorf niedergelassen. Die nicht sprachbegabten Papageien waren wohl ausgesetzt worden. Von Willkommenskultur war damals und für lange Zeit nichts zu spüren. Im Gegenteil: Auf der Kö werden die Tiere von vielen Anliegern bis heute nicht gerne gesehen, da ihr Kot häufig auf den Bänken landet. Mit extra eingerichteten Nistplätzen für Wanderfalken in der Nähe soll dem Sittich das Leben schwerer gemacht werden.

Der Halsbandsittich steht unter Beobachtung

Fast wäre er zudem auf der Schwarzen Liste invasiver Arten des Bundesamtes für Naturschutz gelandet. Bis heute steht er immerhin unter Beobachtung (graue Liste), ob er nämlich nicht doch der heimischen Flora und Fauna schadet. Tobias Krause vom Düsseldorfer Gartenamt, der einst seine Diplomarbeit über die Exoten geschrieben hatte, verneint das jedoch. Er fresse niemandem etwas weg oder schade der Pflanzenwelt. Er mache sich sogar über die Schotenfrüchte des Trompetenbaums her, die gar kein anderes Tier kennen würde.

Nun ist es allerdings ruhiger um die Vögel geworden und höchste Zeit, sie endlich ohne Wenn und Aber einzubürgern und hier als echte Düsseldorfer Jonges und Mädches vorzustellen. Denn genau genommen ist der schon im dritten Lebensjahr geschlechtsreif werdende Vogel ja bereits über viele Generationen in Düsseldorf zu Hause, was im Leben der Menschen ja längst zu einem deutschen Pass gereicht hätte. Und mal ganz abgesehen davon gibt es wohl keinen Vogel in der Stadt, der das Spiel des Sehen und Gesehen-Werdens so beherrscht wie dieser.

Da ist natürlich erstmal das extrovertierte Äußere, was sich von der hiesigen, sonst eher grau-schwarz-braunen Federwelt abhebt. Dann hat sich die Population von je nach Jahreszeit 1000 bis 1800 Vögeln den prominentesten Schlafplatz der Stadt ausgesucht: die Königsallee. Bis auf wenige vereinzelte Ausnahmen kommen alle Mitglieder der Düsseldorfer Gemeinschaft in der Dämmerung unter lautem Gekrächze dort wieder zusammen. Tagsüber fliegen die Tiere laut Krause bis zu 30 Kilometer weit, sogar bis nach Krefeld, um an meist angestammten Plätzen nach Futter zu suchen. Die dabei vollführten Flugeinlagen sind es zudem, die sich sehen lassen können. Wer in der Dämmerung in den Straßen Düsseldorfs unterwegs ist, dem fliegen die Schwärme schon einmal um die Ohren, so flach schießen sie mit bis zu 70 Kilometern pro Stunde knapp über Autos und Radfahrer hinweg, etwa übers Friedensplätzchen in Unterbilk oder die Cecilienallee entlang.

Doch eigentlich, erklärt Krause, ist das natürlich alles keine Show, sondern bitterer Ernst. Denn etwa 80 Prozent der Papageien überleben ihr erstes Lebensjahr nicht. Die Kö eignet sich deshalb so gut als Schlafplatz, weil die Vögel aus Gegenden mit massiver Sonneneinstrahlung in Äquatornähe stammend in der Dunkelheit sehr schlecht sehen können. Die Kö bietet da neben den Bäumen und einer hervorragenden Einflugschneise laut Krause schlichtweg gute Beleuchtungsverhältnisse, im Gegensatz zu einem Park etwa. Und die werden bitter benötigt, denn Falke, Habicht, Bussard und Co. haben die Sittiche längst ohne Vorurteile in ihr Beuteschema integriert. Deshalb auch die spektakulären Flugmanöver knapp über Brücken, Dächer und tief durch die Häuserschluchten.

Das Leben als Papagei in Düsseldorf ist also alles andere als entspannt. Auch der kommende Winter wird den Vögeln wieder zusetzen. In Köln und Düsseldorf können ihn die meisten so gerade überstehen, in München oder Berlin ist das schon nicht mehr der Fall, weshalb es dort auch keine Populationen gibt. Alles in allem wächst die Zahl der Halsbandsittiche angesichts dieser harten Lebensbedingungen in Düsseldorf auch nicht, sie bleibt laut Krause seit 20 Jahren stabil. Auch das spricht gegen die Plagetheorie.

Vielmehr ist der Halsbandsittich auch in seinem sonstigen Verhalten sehr modern und großstadttauglich. So ernährt er sich ganz dem Zeitgeist folgend vegetarisch und die Geschlechter leben recht gleichberechtigt. Die erfahrenen Männchen dürfen zwar dem Schwarm vorwegfliegen und die Bruthöhlen vorschlagen, ob sie genommen werden, entscheidet allerdings allein das Weibchen, was Krause sogar von einem Matriarchat sprechen lässt.

Für den Vogelexperten ist klar: Die Nische für den Papagei war einfach frei. Und er hofft, dass es dem Sittich bald so gehen wird wie dem Höckerschwan. Der gilt mittlerweile als heimischer Vogel, obwohl er das noch vor 100 Jahren nicht war.

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