Wachstumsstörung: Operieren gegen ein Tabu

Wachstumsstörung: Operieren gegen ein Tabu

Viele junge Mädchen leiden unter ungleichem Wachstum der Brüste. Im Krankenhaus Gerresheim finden sie professionelle Hilfe.

Düsseldorf. Simone will nicht für die Zeitung fotografiert werden. Schließlich weiß noch immer niemand außer ihrer Mutter und ihrer allerbesten Freundin, was lange Jahre in der 18-Jährigen vorging. Warum sie nie ins Schwimmbad wollte. Warum sie die Jungs stets abgewiesen hat. Deshalb will Simone kein Foto. Aber erzählen will sie. Denn sie weiß: Es geht vielen jungen Frauen wie ihr. Mit 14 Jahren stellte Simone fest, dass ihre Brüste nicht richtig wachsen. Jetzt endlich konnte sie in der Sana-Klinik Gerresheim operiert werden.

"Brustwachstumsstörungen sind leider immer noch ein Tabuthema", sagt Dr. Christoph Andree, Chefarzt der Plastischen Chirurgie. "Dabei ist der Leidensdruck der jungen Frauen enorm. Viele machen keinen Sport, trauen sich nicht ins Schwimmbad - geschweige denn, ihre Brust vor dem Partner zu entblößen."

Ausgerechnet mitten in der Pubertät, wenn das Körpergefühl der Mädchen oft ohnehin nur aus Selbstzweifeln besteht, stellen sie fest, dass mit dem eigenen Körper irgendetwas überhaupt nicht stimmt. "Aber ich wusste doch nicht, dass man es operieren kann", sagt Simone.

Ihrer Mutter vertraute sie sich an, als sie festgestellt hatte, dass ihre Brust völlig anders aussah als bei ihren Freundinnen. Ein Termin beim Gynäkologen gab ihr schließlich die beruhigende Sicherheit, dass sie nicht einfach unvollkommen ist, sondern an einer angeborenen Störung leidet. Und dass es eine Behandlung gibt - die in den allermeisten Fällen sogar von den Kassen bezahlt wird.

Für junge Mädchen wie Simone bedeutet das allerdings auch, dass sie nach dem Gynäkologen noch zu einer Untersuchung beim medizinischen Dienst der Krankenkassen antreten müssen. "Es war mir sehr unangenehm", erinnert sich Simone. "Für die betroffenen Mädchen ist es immer ein langer Weg", weiß Andree. Aber: Die Kasse bewilligte Simones OP.

Vier weitere Jahre musste sie dennoch warten, bis sie ihre "neuen" Brüste bekam. "Wir operieren nur in Ausnahmefällen junge Frauen vor dem 18. Lebensjahr", erklärt Oberärztin Dr. Beatrix Munder. Das Wachstum der Brust müsse weitgehend abgeschlossen sein. Sonst könnte diese sich nach der Operation wieder verändern, müssten mitunter Folgeeingriffe vorgenommen werden. Schließlich wird die Lage des Drüsengewebes komplett verändert, hinzu kommen in den meisten Fällen Silikonimplantate. Die den Mädchen endlich eine ganz normale Oberweite verleihen.

Heute trägt Simone mit Stolz eine tief ausgeschnittene Bluse. Sie versteckt sich nicht mehr mit Hilfe von Push-up-BHs vor vermeintlichen Blicken ihrer Freunde. Keine zwei Stunden hat der Eingriff im Juni gedauert. Fünf Tage musste sie in der Klinik bleiben. "Sechs Wochen nach der OP kann die Patientin ihr normales Leben aufnehmen", sagt Munder.

Wie vielen jungen Frauen es so geht wie Simone, ist vollkommen unbekannt. Etwa 30 Korrekturen nimmt die Gerresheimer Klinik im Jahr vor. Auch in der Kaiserswerther Diakonie werden Betroffene behandelt. Aber die Dunkelziffer ist vermutlich enorm hoch. Andree: "Es ist wichtig, dass die Frauen wissen: Sie können etwas verändern."

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