Von Derendorf in den Tod: Ein Hauptmann schildert die Deportation

Von Derendorf in den Tod: Ein Hauptmann schildert die Deportation

Hauptmann Wilhelm Meurin schildert den Weg von 992 Juden nach Minsk. Von ihnen überlebten nur fünf.

Düsseldorf. Der Morgen des 10. November 1941 ist ein kalter. Günther Katzenstein hat die Nacht in der Viehhalle des Derendorfer Schlachthofes verbracht. Mit seiner Verlobten Rosa Thielen und seinen Eltern. Am Abend zuvor hatten sich die Juden dort einfinden müssen. Um auf ihre Evakuierung zu warten, wie die Nazis es nannten. Heute spricht man von Deportationen.

Für Günther Katzensteins Familie geht es von Düsseldorf aus nach Minsk — und in den Tod. Der damals 21-Jährige überlebt als einziger von ihnen. Als einer von fünfen auf dem gesamten Zug mit 992 Menschen. Jetzt ist in London ein Bericht des befehlshabenden Polizeihauptmannes Wilhelm Meurin aufgetaucht.

Das Dokument hat eine enorme historische Bedeutung. Bislang existierte nur ein erhaltener Bericht über Deportationen aus Deutschland in die Ghettos und Konzentrationslager des Ostens. Es war der Bericht von Paul Salitter, jener Zug fuhr ebenfalls am Derendorfer Güterbahnhof ab. In den 60er Jahren war dieses Schriftstück aufgetaucht.

Nun gibt es einen zweiten Bericht, der die unwürdigen Bedingungen der Fahrt schildert. Und das verquere Menschenbild der Polizisten, die das Massenmorden der Nazis begleiteten, schützten, mitmachten. Wieder beschreibt es eine Deportation aus Düsseldorf. „Das ist ein sehr großer Zufall“, sagt Bastian Fleermann von der Mahn- und Gedenkstätte. Er hat den Bericht in der Wiener Library, einem Holocaust-Forschungsinstitut in London, aufgespürt.

Wie Günther Katzenstein in jener Nacht vor seiner Deportation im Schlachthof friert und zittert — das erzählt Meurins Bericht allerdings nicht. Auch nicht von der Leibesvisitation zuvor, bei der den Juden ihr Geld abgenommen wurde. Kein Wort darüber, wie Mütter ihre Babys in die Viehtröge legen, damit sie nicht im Dung der Tiere schlafen müssen, welche noch während des Tages dort auf die Schlachtung gewartet hatten.

Der Bericht beginnt stattdessen mit dem Verladen der „Fracht“ am anderen Morgen. „Der Judentransport, umfassend 992 Juden aus den Städten Düsseldorf, Essen und Wuppertal, wurde am 10.11.1941 um 10.40 Uhr vom Güterbahnhof Düsseldorf-Derendorf abgelassen“, schreibt Wilhelm Meurin, damals 35 Jahre alt.

Wie Helene Rosenbaum aus Flingern, die ein Teil dieser Fracht ist, über die Meurin so emotionslos schreibt. Ihren Namen kennt er vermutlich nicht einmal. Sie wird später im Ghetto von Minsk erschossen werden. Sie ist eine von 627 Düsseldorfern und Düsseldorferinnen, die an jenem Tag ihre Heimat verlassen müssen. „Die Fahrt führte über Mettmann nach Wuppertal-Steinbeck, wo die von dort zu evakuierenden Juden fertig verladen bereitstanden und an den Zug angehängt wurden.“

Einen Tag später um 4.15 Uhr am Morgen erreicht der Transport Warschau. Die Lok muss ausgetauscht werden. Bis 12 Uhr steht der Zug ungeheizt am Bahnhof. Es ist minus zwölf Grad kalt. Dann geht es über die deutsch-russische Grenze — von da an wird kein Wasser mehr ausgeteilt. Meurin will keine Typhusanfälle an Bord. In Czeremcha wird wieder sieben Stunden lang gehalten. Diesmal liegt die Temperatur bei minus 18 Grad.

Nach 96 Stunden erreicht der Zug am 14. November Minsk. „Die Juden waren um diese Zeit ziemlich weich“, schreibt Meurin. Doch alle schaffen den 40-Minuten-Marsch ins Ghetto. Die Polizei hatte zuvor 8000 russische Juden erschossen, um Platz zu schaffen für die Juden aus dem Reich.

Bizarr: Hauptmann Meurin beschreibt in seinem Bericht, wie eine Gruppe Düsseldorfer Juden nach der Horror-Reise eine Orgie gefeiert haben soll: „Etwa 20 jüngere Leute veranstalteten Nackttänze, drei Pärchen führten vor versammelter Mannschaft einen Geschlechtsakt aus.“ Auch schildert er russische Zwangsarbeiter, die Eingeweide verstorbener Landsmänner verzehren. Juden als liebestoll, Russen als Untermenschen — „diese Schilderungen entspringen Fantasien des Hauptmannes“, sagt Fleermann.

Für Günther Katzensteins Familie ist die Ankunft in Minsk der Anfang vom Ende. Zwar verlässt den jungen Mann die Hoffnung nicht, er heiratet noch im Ghetto seine geliebte Rosa. Doch sie und seine Eltern werden wenig später erschossen. Wie die meisten.

Der junge Mann selbst hat „Glück“: Er hat eine Elektriker-Lehre gemacht und ist für die Besatzer zu gebrauchen, als Zwangsarbeiter der Firma Telefunken. Schließlich landet er im KZ Bergen-Belsen. Als dies 1945 befreit wird, wird auch Günther Katzenstein befreit. „Da wog er 25 Kilo“, sagt Hildegard Jakobs, bei der Mahn- und Gedenkstätte zuständig für das Archiv. „Dabei ist er ein Hüne von einem Mann.“ Auch heute noch mit 91 Jahren. Er lebt in Stockholm. An das Schicksal seiner Eltern erinnern zwei Stolpersteine an der Stresemannstraße, für Rosa liegt ein Stolperstein am Mintropplatz.

Wilhelm Meurin lebt nicht mehr. „Er ist wohl in den Endkämpfen um Berlin gefallen“, sagt Polizist Klaus Dönecke, der mit seinem Verein „Geschichte am Jürgensplatz“ zur Rolle der Polizei im Nationalsozialismus forscht. Zumindest wurde der überzeugte Nazi Meurin, der bereits vor der Machtergreifung in die NSDAP und die SS eingetreten war, damals als vermisst gemeldet. 1957 erklärte man ihn für tot. Dönecke hofft aber, dass der Bericht des Hauptmannes Hinweise gibt, um noch weitere Gräueltaten seiner damaligen Kollegen aufzudecken. Und sie vor dem Vergessen zu bewahren.

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