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Von der anonymen Nummer zum Individuum

Von der anonymen Nummer zum Individuum

Sonderausstellung zeigt in der Mahn- und Gedenkstätte Tusche-Portraits des Künstlers Josef Rosalia Hein von Häftlingen in Auschwitz.

Gesichter junger und etwas älterer Männer und Frauen mit ernster, aber auch etwas ratloser Mimik blicken den Besucher der Mahn- und Gedenkstätte an. Dort wurde jetzt die Sonderausstellung „Menschen in Auschwitz 1941-43“ in Kooperation mit dem Polnischen Institut eröffnet. Zu sehen sind Häftlingsportraits, die der Düsseldorfer Künstler Josef Rosalia Hein als Tuschezeichnung angefertigt hat.

111 Portraits zeichnete Hein auf Basis von Häftlingsfotos, die der Fotograf und privilegierte Mithäftling Wilhelm Brasse (1917-2012) in Auschwitz anfertigen musste. Zur Schau gehört auch eine Videoinstallation, bei der die Portraits durch künstliche Wasserbewegungen sozusagen zum Leben erweckt werden. Aber bereits die unbewegten Portraits besitzen sehr viel mehr Individualität als die Sträflingsfotos, die in Auschwitz auf einer Schautafel abgebildet sind.

2015 reiste Hein zum ersten Mal in das zum Mahnmal umgewandelte Vernichtungslager Auschwitz. Dazu angeregt worden sei er durch die Berichterstattung zum 70. Jahrestag der Befreiung. Eine künstlerische Reflexion über das dort zu Sehende habe er zunächst nicht vorgehabt, sagt Hein. Die Idee sei dann ganz spontan entstanden. An vier Tagen habe er viele Stunden in Auschwitz zugebracht. „Das hat mich sehr mitgenommen“, sagt Hein. „Jeder, der einmal da war, kennt das Gefühl.“ Man könne den Komplex Auschwitz nicht richtig greifen, wenn man nicht selber einmal dort war. „Das ist auch so unglaublich groß.“

Eine Ausstellung, wie sie jetzt in Düsseldorf zu sehen ist, sei zunächst auch nicht geplant gewesen, sagt Historiker Bastian Fleermann, der die Mahn- und Gedenkstätte an der Mühlenstraße leitet.

Bastian Fleermann, Leiter der Mahn- und Gedenkstätte

Hein habe anfangs um Rat gebeten und ein Vorwort für eine Buch-Dokumentation. Und so sei mit der Zeit die Ausstellungsidee gereift. „Ich fand die Bilder so fesselnd — warum also nicht eine Ausstellung machen?“, beschreibt Fleermann die Genese des Projekts. „Die entpersonalisierten Fotos bekommen durch die Zeichnungen wieder eine Seele“, sagt Fleermann.

Im Erdgeschoss befinden sich zwei weiße Wände, auf denen Portraits nüchtern nebeneinander platziert sind und wo der Einzelne in der Masse unterzugehen droht. Im Historischen Luftschutzkeller der Gedenkstätte sind dann einzelne Portraits aufgehängt nebst biografischen Eckdaten zu den Häftlingen, die Auschwitz allesamt nicht überlebten. Dort wandelt sich nun die anonyme Nummer zum Individuum mit Biografie, wenn auch einer sehr kargen. „Wir haben leider nur sehr dürftige Informationen“, sagt die Mit-Kuratorin Andrea Kramp. Mehr als Geburts-, Sterbedatum und Verhaftungsgrund seien nicht herauszufinden.

Die Bilder zeigen polnische politische Häftlinge. Sie stellten bis Mitte 1942 die Mehrheit der Häftlinge im Lager Auschwitz. Im Frühjahr 1942 begannen dann die Deportationen tausender Juden aus ganz Europa in das Konzentrationslager. Die Mehrheit der deportierten Juden wurde nicht im Lager registriert, sondern direkt nach der Ankunft ermordet.