Düsseldorf: Vom Leben in einer Zeltstadt

Düsseldorf : Vom Leben in einer Zeltstadt

Die WZ hat die Flüchtlingsunterkunft in Eller besucht. Sie muss organisiert werden wie ein riesiges Hotel.

Düsseldorf. Das Leben in einem Flüchtlingszelt ist hart. Auf 18 Quadratmetern leben bis zu acht Personen. In kleinen Spinden müssen sie ihr gesamtes Hab und Gut unterbringen. Privatsphäre ist so gut wie gar nicht vorhanden und das Miteinander der Bewohner gleicht immer einem Ritt auf der Rasierklinge.

Im Gegensatz zu anderen Flüchtlingsunterkünften ist es in Eller aber erstaunlich ruhig. Das liegt wohl auch daran, dass sich viele Sozialarbeiter des Deutschen Roten Kreuz um die Belange der Bewohner kümmern. Die WZ hat sich in Eller umgeschaut, um zu erfahren, wie die Bewohner ihren Alltag gestalten und was die Mitarbeiter zu tun haben.

Am Eingang begrüßt Vittorio Antonio Ricci (33) die Besucher und Bewohner. Er ist mit seinen Kollegen für die Sicherheit zuständig. Er kontrolliert, wer rein und wer raus geht. „Ansonsten ist es hier total ruhig, es gibt kaum Streitereien, deshalb arbeiten wir hier auch nur mit zwei Personen pro Schicht.“

Allerdings gibt es in Eller die Besonderheit, dass die Unterkunft zur Hälfte vom Land NRW und der Kommune genutzt wird. In kommunalen Einrichtungen gibt es keine Security. In zwei der vier großen Zelte leben die Flüchtlinge. In den anderen sind sanitäre Einrichtungen und der Speiseraum untergebracht. Zwei große Dieseltanks mit jeweils 1000 Liter Fassungsvermögen sorgen für die nötige Wärme. „Etwa alle zwei bis drei Tage müssen wir neues Heizöl bestellen“, sagt Spies.

Der logistische Aufwand ist enorm. 336 Flüchtlinge brauchen Frühstück, Mittag- und Abendessen. Putensteak mit Bratkartoffeln, Salat und Apfel steht auf der Speisekarte. Am Tag wird die Essensausgabe von einer Zeitarbeitsfirma erledigt. Abends kümmern sich ehrenamtliche Helfer um die Versorgung. „Wir nehmen natürlich Rücksicht auf die verschiedenen Kulturen, so gibt es kein Schwein und auch kein Rind“, erklärt Herbert Spies vom Deutschen Roten Kreuz.

Am Mittagstisch erzählen Flüchtlinge von ihrer Flucht. Einen Höllentrip hat der Syrer Mohammed Qusa (55) mit Schwester Farida (50) hinter sich gebracht. Monatelang waren beide auf der Flucht vor Krieg und Terror. „Wir sind jetzt einfach nur froh, weg vom Krieg zu sein und unsere Ruhe zu finden.“ In Syrien hat Qusa als selbstständiger Werkzeughändler gearbeitet. „Ich möchte so schnell wie möglich Deutsch lernen und eine Arbeit suchen. Wir Syrer sind nämlich nicht faul.“

Wochenlang auf der Flucht — das bedeutet auch, oft wochenlang keine Möglichkeit, eine heiße Dusche zu nehmen. Für die Bewohner stehen 16 Duschen zur Verfügung. Außerdem muss die Wäsche gewaschen werden. Acht Waschmaschinen und acht Trockner stehen in jedem Wohnzelt, ebenso viele Toiletten und Duschkabinen. Es leben auch viele Kinder in der Zeltstadt, sie brauchen natürlich auch einen Platz, auf dem sich nach Herzenslust austoben können. Mit riesigen Lego-Steinen und Hula-Hoop-Reifen vertreiben sie sich die Zeit. „Wir bekommen zum Glück viele Spielsachen gespendet“, freut sich Herbert Spies.

Die beiden 18-jährigen Schülerinnen Isabell Gehrmann und Lisa-Marie Luther basteln in ihrer Freizeit mit den Kindern. „In den Herbstferien sind wir fast jeden Tag hier.“ Außerhalb der Ferien kommen die Kinder einmal in der Woche zu ihnen in die Lore-Lorentz-Schule und spielen Badminton.“ Schon beim Aufbau der kleinen Zeltstadt haben die beiden Schülerinnen mitgeholfen.

Eine Zeltstadt zu organisieren, das ist, als wenn ein riesiges Hotel gemanagt werden muss. Rund um die Uhr im Drei-Schicht-Betrieb. „Wir kümmern uns auch um die alltäglichen Dinge wie Arzt- oder Ämterbesuche und Freizeitaktivitäten“, so Barbara Gonzales Neldner (48) vom DRK. Transfers und Zuweisungen müssen ebenfalls organisiert werden. Aber das sind nur einige wenige Aspekte. Einige Bewohner stehen unter besonderer Beobachtung. Ein Mann hat eine Schussverletzung im Fuß, eine Frau ist hochschwanger und eine andere Frau hat auf der Flucht ihr Baby verloren und ist äußerst depressiv. Diese Schicksale sind ganz besondere Herausforderungen für die Helfer.

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