„Voguing“: Wenn Modeln zu Tanzen wird

„Voguing“: Wenn Modeln zu Tanzen wird

Madonna machte den Tanzstil „Voguing“ berühmt, dem jetzt in Berlin ein Festival gewidmet wurde. Die Initiatorin ist Düsseldorferin.

Düsseldorf. Die Berliner Popkulturblätter glühen. Die wunderschöne Georgina Philp hat ihnen das heißeste Event des Jahres beschert und es damit bereits im Vorfeld in die Ausgabe des Trendspähers Spex gebracht. Auf Philps Kommando schlüpften kürzlich in Kreuzberg Männer und Frauen in Glitzerfummel und fuchtelten fashionable mit den Armen.

Sie formten Spitz- und Schmollmünder und spazierten hochmütig über den Laufsteg. So sehen wahre Poser aus, und es ist gut möglich, dass man von ihnen in Zukunft öfter hört, denn die Strömung, in der sie mitschwimmen, ist wieder da: Voguing ist zurück.

Der Tanzstil, den Madonnas Videoclip „Vogue“ weltberühmt machte, entstand in den 1960er Jahren in der afro- und hispanoamerikanischen Schwulenszene. Die Community nutzte die Tanzfiguren, um sich von den bürgerlichen Geschlechterzuordnungen zu befreien. „Man konnte bei den so genannten ,balls’ endlich problemlos als Frau oder als echter Kerl auftreten“, sagt Georgina Philp.

Sie hat am zweiten Augustwochenende Deutschlands erstes Vogue-Festival organisiert. In Berlin, weil sie dort seit 2009 lebt und weil es die Stadt mit dem probierfreudigsten Publikum ist.

Jedoch hat die 27-Jährige ihre Fühler auch nach Düsseldorf ausgestreckt, wo sie am Tanzhaus NRW im November gleich drei Workshops zum Voguing anbietet. Philp stammt aus Düsseldorf, ihre Familie lebt hier, im März dieses Jahres gründete sie in der Landeshauptstadt ihre eigene Voguing-Tanzcrew „House of Melody“.

Als Kind trainiert Georgina Philp zunächst Leichtathletik, dann wechselt sie zum Hip-Hop, lernt Ballett. In Utrecht studiert sie zeitgenössischen Tanz und wird Viva-Dancestar 2008. Ihren ersten Voguing-Kurs macht sie in New York und genießt den Ausflug in die feminine Bewegungswelt.

„Hip-Hop ist eine männliche und oft aggressive Angelegenheit“, sagt Philp. „Voguing bringt Weiblichkeit in den Hip-Hop und ist schon allein wegen seiner Entstehungsgeschichte Botschafter für Toleranz“, meint Philp.

Um zu eben diesem Kern vorzustoßen, muss man jedoch zunächst das große Einmaleins des Tanzstils beherrschen. Denn mit ein bisschen Po-Wackeln ist die Sache nicht getan. Voguer treten in Wettbewerben (Battles) gegeneinander an und schließen sich dazu zu „Houses“, also Gruppen, zusammen.

Die Schaukämpfe werden in zig Kategorien ausgetragen: Beim „Runway“ geht es ums Posen, beim „Cheesecake“ um Körperfülle, beim „All Styles“ ums Tanzen.

„Beim Voguing kann man sich selbst feiern“, sagt Georgina Philp. Aber bitte ohne sich allzu ernst zu nehmen. Dann, und davon ist die Tänzerin fest überzeugt, kann Voguing sogar therapeutisch wirken. „Es ist die übertriebene Form dessen, was man im Leben sein will.“

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