Vogelkunde: Rabenkrähen ziehen in die Stadt

Vogelkunde: Rabenkrähen ziehen in die Stadt

Rabenvögel haben ihre Reviere in die Innenstadt verlegt. Sie legen zunehmend ihre Scheu ab.

Düsseldorf. Das Pärchen draußen vor der Tür ist den Mitarbeiterinnen einer Bäckerei an der Königstraße überhaupt nicht geheuer. Die beiden pechschwarzen Vögel landen neuerdings täglich auf dem Trottoir und blicken lauernd auf Gebäck, Brot und Kuchen.

Seitdem sie ihre größten Futterneider, die Tauben, in die Flucht geschlagen haben, lassen sie sich durch nichts aus der Ruhe bringen. Kunden, die an ihnen vorbei in das Geschäft eintreten, parkende Autos, schwadronierende Passanten - jede zivilisatorische Belästigung lässt sie kalt.

"Rabenkrähen." Tobias Krause vom Gartenamt weiß sofort, wer sich da mitten in Stadt immer breiter macht. Die schwarzen Vögel, denen schon in den Märchen Unheil anhaftet, sind präsenter als früher. Sie treiben sich an den Haltestellen herum, hocken auf Baggern und in Einkaufspassagen. Zuletzt mussten städtische Mitarbeiter den Rollrasen am Kö-Graben vor den hungrigen Vögeln schützen, weil deren Schnäbel unter dem Grün nach Futter suchten.

"Es gibt frechere Exemplare als früher", sagt Krause. "Mehr gibt es jedoch nicht." Die zur Familie der Rabenvögel gehörenden Rabenkrähen seien ursprünglich scheu und zurückhaltend. "Bis auf eine Terrasse würden sie sich immer noch nicht vorwagen", sagt Krause.

Jedoch hat vor zehn Jahren eine Entwicklung begonnen, die Großstädter nun deutlich spüren: Die Reviere der Tiere haben sich verschoben - von den Äckern am Stadtrand bis ins Zentrum. Die Vögel brüten im Hofgarten, am Spee’schen Graben und zum Teil auch in den Kastanien und Platanen an der Königsallee.

Rabenkrähen sind Allesfresser. "Früher haben sie bis zum Morgen die Königsallee von allem fressbaren Unrat befreit und waren lange verschwunden, als die ersten Menschen auftauchten", sagt Krause. "Heute bleiben sie, denn sie haben gelernt, dass niemand sie an ihrem Tun hindert.

Ökologisch betrachtet, räumten die Vögel in der Stadt gut auf. "Sie fressen ja auch Aas, und so verschwinden überfahrene Kaninchen ganz flott", erklärt Krause. Allerdings nähmen sich Rabenkrähen auch schon mal Entenkücken und die Jungen von Halsbandsittichen vor. "Sie fressen Vögel von erstaunlicher Größe", sagt Krause und nährt ungewollt die Idee vom gemeinen Räuber rasch, der alsbald zum fiesen Monster mutiert, das Babys aus Kinderwagen zerrt. Hitschcock hätte seinen Spaß an dieser Vorstellung gehabt.

Krause jedoch stellt sofort klar: "Rabenkrähen sind nicht aggressiv."Stattdessen sind sie wie andere Rabenvögel auch besonders schlau. "Deshalb stehlen Elstern und Raaben ja das Silber. Sie erkennen eben, dass es etwas Besonderes ist."

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