Versuch und Irrtum: So wählen die Piraten ihre Landtagskandidaten

Versuch und Irrtum: So wählen die Piraten ihre Landtagskandidaten

Bei der Kandidaten-Kür „Im Tönnchen“ war Improvisationstalent eine gefragte Tugend.

Düsseldorf. Donnerstag, 19 Uhr: Im Hinterzimmer des Brauereiausschanks „Im Tönnchen“ befinden sich 50 Menschen, sieben Laptops und drei Tablet-Computer. Die Luft ist stickig, obwohl nicht geraucht wird. Hier nominiert die Piratenpartei ihre Landtagskandidaten. Die Stimmung ist gut, eine Forsa-Umfrage sagt sechs Prozent voraus. Vier Bewerber müssen aufgestellt werden — mindestens einer wird gute Chancen auf einen Sitz im Landtag haben.

Vor dem Erfolg steht ein bürokratisches Labyrinth. Aberdutzende Regeln müssen beachtet werden, damit das Wahlamt die Kandidaten später auch zulässt. Die Piraten versuchen es mit dem Prinzip „Trial and error“ („Versuch und Irrtum“). Ansage vom Versammlungsleiter: „Da der Akkreditierungs-Pirat einen Fehler gemacht hat — 42 Stimmberechtigte wurden registriert, aber nur 41 Stimmkarten ausgegeben — müssen wir Euch namentlich aufrufen. Wer ist nicht einverstanden?“ — Eine Hand hebt sich: Marc O. (40) will seinen Nachnamen nicht öffentlich genannt haben. Dann geht’s los, ein Pirat nach dem anderen wird aufgerufen, dann: „Wer wurde nicht aufgerufen?“ Statt einer heben sich zwei Hände — ein neues Problem.

Und so geht es weiter: Problem um Problem wird mit Hingabe zum Detail („Wenn der Paragraf 18.4 den 18.1 aufhebt, ist ja alles okay . . .“) und einer Portion Improvisationstalent geklärt.

Dabei unermüdlich am Werk: der Vorsitzende Oliver Bayer (35, schlammgrüner Schlabber-Pulli). Er wuselt hin und her, ist Ansprechpartner für alle anderen Piraten. Die sind ein bunt gemischter Haufen und bestehen augenscheinlich aus zwei Gruppen: hier die computeraffinen Jungen — und dort die älteren Semester, die es womöglich schon bei einer anderen Partei versucht haben und nach herber Enttäuschung ein neues Glück suchen.

Amtlich ist das bei Winny Dehn (58): Sie hat 2005 für den Landtag kandidiert und im Düsseldorfer Osten für die WASG zwei Prozent geholt. Bei ihrer Vorstellung sagt sie: „Ich war im Herzen schon immer Pirat.“

Derweil werden außer den realen auch die Internet-Spitznamen per Beamer an die Wand geworfen. Im ersten Wahlgang etwa tritt Kreon (Oliver Bayer) gegen KatrinaR (Christoph Reichert) und Grumpy (Marc Olejak) an. Die „Kandidatengrillen“ genannte Fragerunde dreht sich vor allem um persönliche Fragen. Inhaltlich gibt es jenseits der Kernthemen (Transparenz, Datenschutz) viel Raum für Besonderes. So fordert Grumpy eine „Kennzeichnung von Polizisten, wenigstens per Nummer“, KatrinaR will Transsexualität im Landtag thematisieren und verspricht Transparenz auch in privaten Finanzfragen: „Ich werde jeden Monat meinen Kontoauszug veröffentlichen.“ Bayer wiederum glaubt: „Ich kann mich in alle Themen einarbeiten.“

Das hilft ihm am Ende nicht: Er scheitert in der Stichwahl, ebenso Winny Dehn. Dafür setzt sich Marc Olejak durch — jetzt auch mit ganzem Namen. Ob sein Weg durchs Labyrinth der Regeln tatsächlich in den Landtag führt? Das entscheiden zunächst die Landesdelegierten der Partei — und am 13. Mai die Wähler . . .

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