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Über 20 Jahre mit Obdachlosenmagazin auf der Straße

Über 20 Jahre mit Obdachlosenmagazin auf der Straße

Martin Paul, 51, verkauft seit 1991 das Obdachlosenmagazin Fifty-Fifty. Er spricht über den Advent, seine Art und sein Leben.

Herr Paul, wie fällt Ihre finanzielle Adventsbilanz aus?

Martin Paul: Ich kann mich nicht beklagen. Aber das gilt im Grunde genommen das ganze Jahr über. Viele Leute kennen mich, kein Wunder, ich bin ja auch mehr als 20 Jahre auf der Straße.

Sind die Leute denn im Advent freigiebiger als sonst?

Paul: Doch, das schon. Die Zeitung verkauft sich im Dezember recht gut, vor allem aber kommen jetzt mehr Passanten und fragen: Darf ich Ihnen auch einfach nur so etwas geben? Gerne, sage ich dann.

Sie stehen immer an diesem Ausgang vom Carsch-Haus an der Grabenstraße. Wäre es nicht lukrativer, sich auf einen der Weihnachtsmärkte zu stellen?

Paul: Ach was, nein, da ist nicht viel zu holen. Ich habe das vor vielen Jahren mal auf dem Engelchenmarkt versucht — aber es ist ja doch nur ein Geschiebe und Gedränge, und die Leute sind auch bald genervt, wenn sie beim Glühweintrinken permanent angebettelt werden. Das kann ich gut verstehen.

Wie also sieht Ihre Taktik aus?

Paul: Zurückhaltung, Zurückhaltung, Zurückhaltung. Wobei das jetzt nicht antrainierte Taktik ist, sondern meinem Naturell entspricht. Man sollte die Leute nicht direkt ansprechen oder gar bedrängen, das geht vielen auf den Keks. Ich habe nicht einmal einen Becher, den ich jemandem hinhalte.

Und sonst, wie empfinden sie denn so die Düsseldorfer?

Paul: Ich fühle mich wohl hier und das sagt ja auch etwas über die Düsseldorfer aus. Wenn man ihnen höflich begegnet, dann sind sie auch nett. Es kommt gerade jetzt im Winter immer wieder vor, dass mich jemand fragt, ob ich einen Kaffee oder ein belegtes Brötchen möchte. Aber natürlich höre ich auch viel blödes Gemecker. Manche regen sich sogar auf, wenn hier in der Altstadt jemand Geige auf der Straße spielt — können Sie das verstehen?

Nein, es sei denn, es klingt grauenvoll. Wollen Sie ein bisschen von sich erzählen?

Paul: Wie gesagt, ich war bei Fifty-Fifty praktisch von Anfang an dabei, mein Verkäuferausweis hat die Nummer 35. Und ich stehe noch immer sechs Tage von 10 bis 14 Uhr mit einem Lächeln hier auf der Straße. Ich bin ohnehin nicht der Typ, der immer anderen die Schuld gibt. Ich weiß, dass ich selber Mist gebaut habe.

Welchen denn?

Paul: Ich war in Holland auf dem Gymnasium, kurz vor dem Abschluss und dann hab’ ich mich mit meinen Eltern total verkracht und alles hingeschmissen. Und das heißt in Holland: Du stehst ohne Schulabschluss da.

Wie ging’s weiter?

Paul: Ich hab trotzdem zwei Ausbildungen machen können, als Autolackierer und als Kunststoffhersteller. Ich bin dann nach Berlin gegangen und habe da auch in der Kunststoffindustrie gearbeitet. Irgendwann aber bin ich voll in der Berliner Partyszene versackt.

Alkohol, Drogen: Als Sie nach Düsseldorf kamen, waren Sie nicht in einem guten Zustand.

Paul: Nein, weiß Gott nicht. Ich habe in der Notschlafstelle an der Klosterstraße übernachtet

und lange Platte gemacht, war mit meinem Schlafsack und Hund am Rhein oder hinterm Opernhaus. Aber da geht jetzt auch nichts mehr, einige Kollegen haben sich einfach nicht benommen, ihren Müll nicht weggeräumt oder Leute angepöbelt.

Wie ist Ihre Lage aktuell?

Paul: Ziemlich gut, denn ich lebe jetzt in einer kleinen Wohnung in Bilk. Und an den Feiertagen habe ich frei.