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Totes Baby: Mutter kann sich nicht mehr erinnern

Totes Baby: Mutter kann sich nicht mehr erinnern

Gericht: Frau soll ihr Neugeborenes erstickt haben – und ist wegen Totschlags angeklagt.

Düsseldorf. Das Leben des kleinen Michel dauerte nur wenige Stunden. In einer Waschküche wurde der Junge am 16. September 2003 geboren, dort starb der Säugling auch - ohne die Welt richtig kennen gelernt zu haben. Seine Mutter soll ihn mit einem Stoffbeutel erstickt haben. Die Schwägerin entdeckte den Leichnam wenig später in einer Kühltruhe.

Vier Jahre später wird das Drama in dem Kaiserswerther Mehrfamilienhaus nun juristisch aufgearbeitet. Seit gestern sitzt die 37-jährige Hannelore M. (Name von der Redaktion geändert) vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts. Ihr wird Totschlag vorgeworfen - im Zustand der verminderten Schuldfähigkeit.

Mit einer Wolldecke verhüllt betrat die Frau den Gerichtssaal. "Das Verfahren ist sehr belastend für meine Mandantin", sagte ihr Rechtsanwalt Rainer Pohlen. Und Hannelore M. schilderte das Schicksal einer scheinbar heilen Familie, die völlig aus der Bahn geriet: Nach der Geburt ihrer beiden Töchter 1997 und 2000 habe sie sich ganz der Familie gewidmet. Bis die Arbeitslosigkeit ihres Mannes sie in eine tiefe Krise gestürzt habe. "Er kam immer erst nachts nach Hause, hat mich mit dem Alltagsstress allein gelassen", sagte sie mit tränenerstickter Stimme.

Umso überraschter sei sie dann gewesen, als sie plötzlich feststellte, wieder schwanger zu sein. "Ein regelmäßiges Sexualleben gab es bei uns eigentlich kaum noch." Sie habe ihren Zustand vor ihrem Ehemann verheimlicht. "Ich war mir nicht sicher, ob er noch ein Kind wollte." Warum sie sich niemanden anvertraut habe? "Ich weiß es nicht", sagte sie mit leiser Stimme. "Wahrscheinlich habe ich es einfach verdrängt."

In der Tatnacht sei sie mit starken Schmerzen aufgewacht. Irgendwie sei sie dann im Keller gelandet, "und plötzlich war das Kind da". Was dann passierte, scheint auch vier Jahre nach der Tat völlig unklar. Sie habe den Jungen in eine Decke gewickelt und an sich gedrückt, sagte sie. Irgendwann habe er dann nicht mehr geatmet. Erinnerungen an das Geschehen habe sie aber nicht.

Die Leiche des Neugeborenen war mit Schädelbrüchen in der Kühlbox entdeckt worden. Bei der Polizei hatte die Mutter ausgesagt, sie habe eine Sturzgeburt gehabt. Das Kind sei mit dem Kopf auf den Steinfußboden aufgeschlagen und dabei gestorben. Gerichtsmediziner der Uniklinik hatten die Babyleiche untersucht, konnten die Aussage der damals 33-Jährigen aber nicht widerlegen. Erst ein Spezialist für Kindstötungen aus München stellte fest, dass das Kind nicht an der Kopfverletzung starb, sondern erstickt wurde.

Juni 1999: In Sachsen werden drei Babyleichen in der Tiefkühltruhe gefunden. Die Mutter hatte die Kinder erstickt .

Dezember 2000: In Erfurt wird ein toter Säugling gefunden. Per Gentest wird eine fünffache Mutter überführt.

August 2004: Innerhalb von neun Monaten tötet eine Mutter in Kaarst ihre Töchter (drei Wochen und zwei Jahre alt). Eine wurde erstickt, die andere nach tagelangem Hungern erdrosselt.

Januar 2005: Zwei Jahre lang lag die Leiche der kleinen Pervin auf einem Düsseldorfer Balkon. Die Mutter hatte ihre Tochter verhungern lassen und die Leiche dann zerstückelt.

Juli 2005: In Sachsen-Anhalt werden die Leichen von neun Babys entdeckt. Die Mutter hatte die Kinder nach der Geburt getötet und verscharrt.

November 2005: In Oberkassel steckt eine Frau ihren "zu lauten" Stiefsohn (3) in einen Koffer. Der Junge erstickt.