Tod auf dem Klinikgelände: Unterlassene Hilfeleistung?

Tod auf dem Klinikgelände: Unterlassene Hilfeleistung?

Ein Verkäufer von Fiftyfifty hat sich auf dem Gelände der Landeskliniken erhängt.

Düsseldorf. Als Christof A. am Mittwochvormittag in die Beratungsstelle von Fiftyfifty kommt, ist er fertig. Und aggressiv, er hat seinen jüngeren Bruder verprügelt, hat sich nicht mehr im Griff. Seit vier Jahren verkauft er die Obdachlosenzeitschrift, hat sogar eine eigene Wohnung. Sein Alkoholismus jedoch setzt ihm in den letzten Jahren zu. „Er wollte sich in die Klinik einweisen lassen und bat uns um Hilfe. Meine Kollegin Julia Kasprzyk hat ihn begleitet“, sagt Oliver Ongaro, der für Fiftyfifty als Streetworker arbeitet. Wenige Stunden später ist der 27-Jährige tot. Er hat sich auf dem Gelände der Landeskliniken erhängt. Ongaro übt scharfe Kritik am Klinikpersonal: Es habe Christoph A. die notwendige Hilfe verweigert.

„An der Pforte des Landeskrankenhauses schickte man Julia und Christoph zu einer falschen Stelle“, sagt Ongaro. 40 Minuten hätten Kasprzyk und A. in der Station für Alkoholkranke warten müssen. Ein Pfleger habe sie vertröstet. „Er sagte, ein Arzt käme gegen 13 Uhr. Falls etwas passiere, solle Julia den Notrufknopf drücken.“

Als der Arzt schließlich vor ihnen steht, hat er nur eine Nachricht für sie: Hier seien sie falsch, sie mögen bitte zur Ambulanz gehen. Christoph A. sei daraufhin ausgerastet, sagt Ongaro. „Er hat seine Tasche weggeworfen und gerufen, er werde sich die Pulsadern aufschneiden.“ Die rund 500 Meter bis zur Ambulanz, die er nun aufsuchen soll, die erneute Warterei — für den schwerkranken Alkoholiker türmen sich solche Kleinigkeiten zu einem unüberwindbaren Berg auf.

„Meine Kollegin ist Christoph hinterher gelaufen, hat ihn aber verloren“, sagt Ongaro. Als Julia Kasprzyk zur Ambulanz läuft und dort um Hilfe bittet, zückt man angeblich nur die Schultern. „Ihr wurde gesagt, sie soll die Polizei alarmieren.“ Binnen weniger Minuten sind die Beamten da. Gemeinsam mit der Fiftyfifty-Mitarbeiterin machen sie sich auf die Suche — und finden Christoph A. bald. Er hat sich mit einem Verband, den er an seiner Hand trug, an einem Zaun erhängt.

Für Oliver Ongaro ist der Vorfall ungeheuerlich. „Es ist eine Tragödie, dass das Personal der Landesklinik nicht sofort reagiert hat.“ Fiftyfifty-Anwalt Rainer Felkl kündigt an: „Wir werden Strafanzeige wegen unterlassener Hilfeleistung erstatten.“

Aber auch die Polizei, die den Sachverhalt bestätigt, wird initiativ. „Der Bericht der Kollegen vor Ort geht an die Staatsanwaltschaft“, sagte Polizeisprecher Markus Niesczery. Dort werde geprüft, ob ein Anfangsverdacht für eine Straftat besteht.

Klinikträger ist der Landschaftsverband Rheinland. Sprecherin Katharina Landorff verteidigte die Klinikmitarbeiter. „Sie hatten keinen Hinweis auf eine krisenhafte Situation des Patienten“, sagt sie. Über den Vorfall sei man „tief bestürzt“. Man werde die traurigen Ereignisse zum Anlass nehmen, zu prüfen, wo etwas zu verbessern sei. „Suizide gehören leider zum Gesicht einer Psychiatrie.“

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