Tiernotruf in Düsseldorf: Der Notruf für Tiere braucht selber Hilfe

Neues Zuhause gesucht : Der Düsseldorf Notruf für Tiere braucht jetzt selber Hilfe

Stefan Bröckling kommt, wenn andere aufgegeben haben. Er rettet Katzen aus Bäumen, Wildvögel vor dem Ersticken oder befreit Schwäne vom Angelhaken. Jetzt sucht der Düsseldorfer Tiernotruf eine neue Bleibe.

Stefan Bröckling klingt erschöpft. In der vergangenen Nacht wurde er nach Neuss zu einem entlaufenen Hund gerufen. Mit einem Wärmebildgerät durchleuchtete er zusammen mit anderen Rettern und den Tierhaltern stundenlang die Gegend. „Aber leider gab es kein schönes Ende“, sagt er mit kratziger Stimme. Bröckling fand das Tier schließlich tot auf. Angefahren von einem Auto.

Dem Tierretter und Gründer des Vereins Tiernotruf Düsseldorf liegt nicht nur die Nacht in den Knochen. Die vergangenen Jahre haben ihm zugesetzt, sagt er. Körperlich, finanziell und auch psychisch. „Ich war kurz davor aufzugeben.“ Vier Jahre lang hat er ehrenamtlich rund um die Uhr für den Tierschutz parat gestanden. 1500 Einsätze fuhr er im Jahr, um verirrte und verletzte Tier einzusammeln, in die Freiheit, zu Pflegestellen oder zum Arzt zu bringen. Ohne Pause oder Urlaub. Und: ohne Bezahlung. „Ich habe meine Altersvorsorge auf den Kopf gehauen, am Ende sogar noch privat Schulden gemacht“, sagt er. „So konnte es nicht weitergehen.“

Dass Bröckling heute immer noch im Einsatz ist, verdankt der Verein einem erhöhten Spendenaufkommen. Eine Spende in Höhe von 15 000 Euro machte es möglich, den Tierretter nun erstmals als Teilzeitkraft einzustellen. Weitere Spenden, wenn auch nicht in dieser Höhe, gehen ein, seitdem Bröckling auf seine Arbeit aufmerksam macht. Mit Kopfkamera dokumentiert er seine Einsätze nun regelmäßig, die Videos stellt er online. Das funktioniert: „Die Spendensituation ist heute eine andere. Es zeigt sich, dass vielen Menschen etwas an der Arbeit liegt“, sagt er.

Verein sucht neue Räume

Jetzt fehlt seinem Verein nur noch eine neue Bleibe. „Unser Büro ist so winzig, dass es aus allen Nähten platzt“, sagt Bröckling. Auch für das Rettungs-Equipment, das zurzeit privat untergestellt ist, muss eine Lösung her. Deshalb sucht der Verein nun ein Büro mit Lagerraum, in dem ein Schlauchboot mit Anhänger Platz findet. Idealerweise möchte der Verein eine Wildvogelstation einrichten, in der Tiere aufgepäppelt werden. Dafür sollte das Grundstück keine direkten Nachbarn haben, aber immer noch im Düsseldorfer Stadtgebiet liegen. Einen Sponsor zur Finanzierung einer Immobilie mit Platz für eine kleine Wildvogelstation hat der Verein bereits gefunden.

Die Präsenz im Fernsehen oder im Internet generiert Spenden. Je bekannter er ist, desto häufiger wird der Tierretter aber auch zu Einsätzen gerufen. Für Stefan Bröckling ist es zwar keine Frage, dass er trotz seiner bezahlten 20 Stunden Vollzeit im Einsatz ist. Alle Anfragen kann er dennoch nicht bedienen. Bis zu zehn pro Tag seien realistisch. „Die meisten Einsätze sind sehr zeitintensiv. Mehr geht deshalb einfach nicht“, sagt er.

Bröckling wird von Passanten und Tierhaltern gerufen. Aber auch die Freiwillige Feuerwehr zieht ihn hinzu, wenn sie nicht weiterkommt. „Ich komme dann, wenn andere schon aufgegeben haben. Denn mein Anspruch ist es, das Tier auf jeden Fall zu sichern. Egal wie lange es dauert.“ Und auch, wenn er körperlich an seine Grenzen stößt. Zuletzt wurde er zu einer verängstigten Katze gerufen, die sich nicht mehr von einem Baum traute. Bröckling bewies in schwindelerregender Höhe Geduld und konnte das Tier schließlich einfangen, bevor es sich verletzte.

Mit der Feuerwehr Hand in Hand

Ein anderes Mal wurde er von der Freiwilligen Feuerwehr zu einer Recyclingfirma gerufen. Ein Uhu war durch ein offen stehendes Tor in das Gebäude geflogen und kam nicht mehr heraus. Es herrschten hohe Temperaturen, der Uhu drohte in der Panik zu ersticken. Stefan Bröckling konnte den Vogel schließlich mit einem Netzwurfgerät aus der Luft einfangen und sicher nach draußen bringen. Ein anderes Mal arbeitete Bröckling mit der Feuerwehr Hand in Hand: Ein Storch sollte eingefangen werden. Er saß schon seit Tagen sichtlich krank auf einer Straßenlaterne und flog jedes Mal, wenn sich die Retter näherten, zur nächsten Laterne. Vom fahrenden Feuerwehrwagen aus gelang es Bröckling schließlich, den Storch mit seinem Netzwurfgerät einzufangen. Der Storch wurde zu einem Tierarzt gebracht.

Für seine Einsätze wagt sich der Tierretter auch ins Wasser: Zum Beispiel, um Schwäne von Angelschnur und -haken zu befreien. Dann schmeißt er sich nicht nur im richtigen Moment ins Wasser, um die verletzte Schwanendame zu erwischen, er muss auch ordentlich einstecken, wenn das Tier wild fauchend in Kopf und Nacken beißt. Auch das nimmt der Tierretter gerne in Kauf, so lange die Schwanendame nach der Rettungsaktion wieder mit ihren 20 Artgenossen auf den See zurückschwimmt, als wäre nichts geschehen.

So befriedigend die Arbeit für den Tierretter auch ist, oft kann er es kaum glauben, wie herzlos Menschen mit Tieren umgehen. Ein Video zeigt Stefan Bröckling, wie er eine verletzte Brieftaube untersucht, die von zwei jungen Frauen gefunden wurde. Als Bröckling die Züchterin kontaktiert, gibt diese ihm eine Anleitung, wie dem Tier der Hals umgedreht werden soll. Schließlich sei es für sie als Züchterin ein Unding, das verletzte Tier abzuholen oder die Arztkosten zu tragen. „Für mich ist es ein Unding, dass Menschen wie Sie zur gleichen Spezies wie ich gehören“, erwidert Bröckling der Frau am Telefon. „Ich finde es unmöglich, dass Menschen wie Sie überhaupt Tiere halten dürfen.“ Die Taube wurde zum Tierarzt gebracht, starb wenig später aber an ihren Verletzungen. Auch solche Erfahrungen gehören dazu. Für Stefan Bröckling nur ein Grund mehr, alles für die Tiere zu geben.

Mehr von Westdeutsche Zeitung