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Streetart-Poesie aus dem Familienalbum

Streetart-Poesie aus dem Familienalbum

Eine Studentin zieht nachts los und macht aus alten Familienbildern neue Kunst. Heimlich und auf der Hut vor der Polizei.

Düsseldorf. Sie hört die drei Streifenwagen nicht kommen. Passanten haben die Polizei alarmiert, und jetzt wollen die Beamten wissen, warum die junge Frau mitten in der Nacht ein Kinderbild auf eine Hauswand plakatiert. Das zu erklären, würde eine halbe Ewigkeit dauern, deswegen kommt sie gleich zum Wesentlichen und demonstriert, wie mühelos sich das Bild von dem fremden Eigentum wieder entfernen lässt. Die Polizisten sehen von einer Anzeige noch einmal ab, verwarnen sie jedoch, diesen „groben Unfug“ in Zukunft zu unterlassen.

„Grober Unfug. Der Ausdruck hat mir gefallen“, sagt die Plakatiererin. Ihren Namen will sie nicht in der Zeitung lesen, denn regelmäßig zieht sie nachts los und bringt illegal so genannte Paste-ups, an Häuserwänden an. Ihr bekanntestes Motiv ist ein blumenpflückendes Mädchen, das in Unterbilk scheinbar an echtem Löwenzahn zupft.

Die 27-jährige Streetart-Künstlerin ist Studentin und hat sich das Pseudonym „kurznachzehn“ zugelegt. Sie trägt ein weißes T-Shirt zur Jeans, Ohrringe und Schuhe hat sie farblich mit dem Nagellack abgestimmt und sieht aus wie die vielen anderen Düsseldorferinnen zwischen 20 und 30 — Röhrenjeans, flache Stoffturnschuhe, lässiges Oberteil, Tattoo. Germanistinnen-Schick. Den Vermummungslook der Graffiti-Sprayer pflegt sie auch als Arbeitskleidung nicht.

Vor zwei Jahren begleitete sie einen Freund bei einer nächtlichen Kunstaktion. „Da habe ich gemerkt, dass es mir gefällt, den Stadtraum zu gestalten.“ Auf ihrer Suche nach Motiven entdeckte sie Familienaufnahmen aus den 50er und 60er Jahren. Die Mischung aus Zeitdokument und individueller Prägung berührte sie. „Es sind Schwarz-Weiß-Fotos von sehr schlechter Qualität. Aber mein Großvater, der sie gemacht hat, hatte ein unglaublich gutes Auge.“

Seither plakatiert sie in Düsseldorf und, seltener, auch in Köln Fotos aus dem Familienalbum. Das Kind, das die Blumen pflückt, ist ihre Mutter in den 50er Jahren. An der Talstraße ist sie mit ihren Schwestern zu sehen. Die Kinder tragen weiße Kleider, fein gemacht für eine Hochzeit. „Ich wurde einmal gefragt, ob mir das nicht zu persönlich ist, meine Familie in die Öffentlichkeit zu bringen“, sagt die Studentin. „Aber da ich anonym bleibe, wahre ich unsere Privatsphäre.“ Andere Motive reizen sie bislang nicht, noch für etwa ein Jahr, schätzt sie, reicht der Vorrat aus dem Familienalbum.

Die Eltern sind über das nächtliche Tun der Tochter informiert und haben nichts dagegen. „Meine Mutter freut sich, dass ich sie mit meiner Streetart ehre. Ich glaube, sie würde mich sogar gerne einmal nachts begleiten“, sagt sie. „Vielleicht liegt es daran, dass meine Bilder im Gegensatz zu Graffiti nichts beschädigen.“

Die Ähnlichkeit mit den Kinder-Paste-ups eines anderen Düsseldorfer Künstlers — L.E.T — sei Zufall, sagt die 27-Jährige. „Es gibt höchstens eine Parallele zum Motiv, nicht jedoch in der Arbeit. Ich mag eben Kindermotive. Kinder und ältere Menschen.“

Etwas Schönes wolle sie erschaffen, es gefalle ihr, dass die Nostalgie der alten Fotos auf die Gegenwart strahle. „Dieser besondere Stil ist mein Ding.“ Eine politische Aussage will sie nicht formulieren. Auch den Kick, dem mancher Graffiti-Sprayer auf seinem illegalen nächtlichen Abenteuer hinterherjagt, braucht sie nicht. „Es ist nachts einfach weniger los, deshalb bin ich dann unterwegs.“ Ein aufwendiges Graffito an einer Bahnstrecke zu realisieren, dauere Stunden. Jederzeit drohe die Gefahr, erwischt zu werden. Dies auszuhalten, dazu sei sie nicht mutig genug. „Ich bin in fünf Minuten mit dem Kleben fertig und versuche, niemanden zu verärgern und möglichst keine Privathäuser anzutasten.“ Klingt fast so, als hätte sich eine Poetin in die anarchistische Streetartszene eingeschlichen. Nicht anders machte es ihr Großvater, als er mit großer Zurückhaltung seine Kinder fotografierte, die, versunken in ihre Beschäftigung, ihn gar nicht wahrnahmen. Er störte sie überhaupt nicht.

Seine Enkelin nimmt gerade zögerlich Kontakt mit dem Streetart-Netzwerk auf. Für eine aktuelle Ausstellung im Pretty Portal hat sie ein Skateboard gestaltet und auch am Düsseldorfer Urban-Art-Festival im September wird sie sich wohl beteiligen. Dass sie mit ihrer eher sanften Fasson, Streetart zu machen, auf Abwehr stoßen könnte, beschäftigt sie nicht weiter. „Ich mische mich in Konkurrenzkämpfe nicht ein. Wenn einer meine Sachen nicht mag: Mir wär’s egal.“