Street-Art: Die Untergrund-Kunst vom Worringer Platz

Street-Art: Die Untergrund-Kunst vom Worringer Platz

Im Rathaus startet am Montag eine Ausstellung, in der die nicht zugänglichen Street-Art-Bilder in der ehemaligen Unterführung mit einer virtuellen Brille angeschaut werden können. Wir durften den Ort besichtigen, an dem die Graffiti seit 24 Jahren unberührt geblieben sind.

Düsseldorf. Hinter einer Klappe am Worringer Platz liegt das Jahr 1994. Die Klappe ist einen guten Quadratmeter groß und sieht aus, als wäre sie Teil einer Lüftungsanlage. Wer den Schlüssel zur Klappe besitzt und nutzt, stößt dahinter auf eine Leiter und gelangt über diese in die ehemalige Unterführung des Platzes. Dort befindet sich seit 1994 ein riesiges Graffiti-Kunstwerk. Düsseldorf Marketing macht es nun virtuell zugänglich. Im Rathaus liegt ab Montag eine Virtual-Reality-Brille, deren Träger sich durch den Raum unter dem Worringer Platz bewegen und die Untergrund-Kunst anschauen können.

Graffiti kam als Teil der Hip-Hop-Kultur Anfang der Achtziger Jahre nach Deutschland. Düsseldorf entwickelte sich zu einer der wichtigsten Städte der Bewegung, mit engen Verbindungen nach München oder Dortmund. Was 1983 und ’84 langsam begann, wurde am Ende des Jahrzehnts zu einer so produktiven Szene, dass die Polizei eine Sonderkommission einrichtete. Die Sprayer von damals erzählen heute von Durchsuchungen und Verhaftungen. Einer von ihnen sagt, er habe sich im Gefängnis mit anderen Insassen ausgetauscht. Die saßen wegen Betrugs, er, „weil er gemalt hatte“.

Die Einsätze der Polizei zeigen Wirkung. Die Düsseldorfer Graffiti-Szene verzeichnet mit dem neuen Jahrzehnt einen derben Knick. Das ändert sich erst zwischen 1993 und ’94. Es wird bekannt, dass die Stadt die Unterführung des Worringer Platzes bald schließt. Die Stadt erlaubt, dass dort unten Graffiti-Künstler arbeiten dürfen, die Sprayer nennen die dazugehörige Fläche „Wall of Fame“. Und so kommt es im März 1994 zu einem einmaligen Treffen. Künstler, deren Namen in Düsseldorf an vielen Stellen zu sehen waren oder immer noch sind (etwa Fume), treffen auf Kollegen aus Dortmund oder Essen. Aus Paris kommt ein Mann namens Gawki, für viele der Anwesenden das Idol Nummer eins. Heute findet sich im Tunnel mehrfach eine Hommage an den Franzosen: „To Gawki“.

An diesem Wochenende entstehen zwei Arten von Graffito: Schriftzüge in den Typographien, die die Sprayer für sich entwickelten und mit markanten Außenlinien versahen, sowie Figuren: Jungs mit umgedrehten Mützen, Horror-Clowns und Roboter. Die Beteiligten waren mal romantisch, mal witzig drauf. Die einen widmeten ihre Kunst den aktuellen Lebensabschnittspartnerinnen Steffi und Meike, die anderen signierten ihr Werk mit „Der Welt schlechtester Outliner“.

Die Arbeit ist heftig. All die verschiedenen Spraydosen, die es heute gibt, und all die damit verbundenen Möglichkeiten, existieren 1994 noch nicht. Die Sprayer tragen ihr Geld in den Baumarkt, müssen die Dosen nehmen, die sie dort kriegen. Der Rest ist Tricksen. Auf den Haarsprays von Loreal und Goldwell sind damals feine Düsen, die die Künstler abnehmen und auf ihre Dosen setzen, um die ganz feinen Linien hinzukriegen. Sieben, acht Stunden stehen sie an ihren Arbeiten, biegen und strecken sich entsprechend der Kurven ihrer Werke und spüren anschließend einen Kater in Muskeln, von denen sie bis dahin nicht wussten, dass sie sie haben.

Kurz danach ist die Unterführung Geschichte. Die Stadt montiert die Rolltreppen aus den Schächten, bricht die oberen Betonstufen ab und legt Platten auf die ehemaligen Ausgänge. So bewahrt sie, gewollt oder nicht, die Graffiti-Kunst von 1994. In all den Jahren seitdem rufen immer wieder Menschen bei der Stadt an und fragen, ob sie dort unten eine Bar, einen Club oder etwas anderes eröffnen dürfen. Bis heute war noch keiner dabei, der den Mut und das Geld hatte, aus seinem Vorschlag auch Wirklichkeit zu machen. Wer heute einen Blick an die Decken wirft, ahnt warum. Neonröhren hängen dort in Bruchstücken und gelegentlich noch funktionsfähig, Metallplatten und bestimmt nicht gesundheitsförderliche Dämm-Matten baumeln daneben. Das zu sanieren und sichern, kostet reichlich.

Das schönste Fundstück steht in der Mitte der Röhre. Dort haben die Künstler damals einen Tresor platziert und abgeschlossen. „Das Worringer Platz Gedächtnis“ steht auf dem Schild. Niemand weiß, wer den Schlüssel hat, niemand erzählt, was in dem Panzerschrank versteckt ist.

An diesem Tresor beginnt der virtuelle Rundgang, den Interessenten ab Montag im Rathaus machen können. Das Unternehmen A4VR hat im Auftrag von Düsseldorf Marketing 8500 ziemlich hochauflösende Fotos unter dem Worringer Platz gemacht. Anschließend haben die Experten für Virtuelle Realität mit einem Laserscanner rund 250 Millionen Messpunkte gesetzt, damit das 3D-Erlebnis so echt wie möglich wirkt. Wer die Brille im Rathaus aufsetzt, schaut keinen Film, sondern kann sich frei in der Unterführung bewegen. Wer nah an eine Wand rangeht, sieht sogar die mosaikartigen Erhebungen in der Wand. Wenn sich der Betrachter dreht, ändert sich das Licht. Und ab und zu rumpelt eine Bahn über einen hinweg — ganz so, wie es heute unter dem Worringer Platz eben auch der Fall ist. Die tatsächliche Fläche, auf der sich der Ausstellungsbesucher bewegt, misst acht mal zehn Meter.

Düsseldorf Marketing hat das Projekt angestoßen, um den Slogan der neuen Stadtmarke, „Nähe trifft Freiheit“, mit Leben zu füllen. Die Unterführung ist ein Beispiel für die (künstlerische) Freiheit, die in Düsseldorf möglich ist. Zugleich zeigte das Wochenende von 1994, wie hier Menschen, in diesem Fall Sprayer und Passanten, zusammenkommen und miteinander leicht ein gemeinsames Thema finden.

Fast ganz nebenbei ist Street Art, wie die Kunst an öffentlicher Wand heute in aller Regel heißt, eine Sache, die touristisch wirkt. Bekannte Arbeiten in großen Städten ziehen viele Menschen an, die ihre Bilder samt sich selbst gerne im Internet zeigen. Düsseldorf genießt in Sachen Street Art (etwa an der Kiefernstraße oder in Eller) einen guten Ruf. Es gibt also auch ein bisschen 1994 vor der Klappe am Worringer Platz zu finden.

Mehr von Westdeutsche Zeitung