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Strandgefühle bei der SG Unterrath: Handballer bauen sich eigenen Platz

Beachhandball : Strandgefühle bei der SG Unterrath

Weil sie in Corona-Zeiten nach Möglichkeiten suchten, draußen Sport zu treiben, bauten die SGU-Handballer einen alten Beachplatz ihres benachbarten Tennisvereins um.

Es ist ein paar Monate her, da wussten sie bei der Handballabteilung der SG Unterrath nicht so recht, wie es weitergehen sollte. Wie sämtliche Sportvereine wurde auch die SGU von der Corona-Pandemie ausgebremst. Keine Wettkämpfe mehr, kein Training, keine Treffen oder Feste. Das Vereinsleben stand still. Von jetzt auf gleich.

Also versuchten Klub und Förderverein, den Kontakt zu den Mitgliedern auf anderen Wegen zu halten. Die Trainer zum Beispiel überlegten sich kleine Aufgaben für die Kinder und Jugendlichen, die so und so viele Kilometer in der Woche joggen sollten. „Parallel haben wir überlegt, was wir machen, wenn wieder etwas Sport in der Gruppe erlaubt wird“, erinnert sich Yvonne Dierkes, die Vorsitzende des Fördervereins. „Da war uns schnell klar, in der Halle mit Körperkontakt geht es nicht, es muss sich draußen abspielen, wir wollen niemand einer erhöhten Infektionsgefahr aussetzen.“

 100 Tonnen Sand wurden von einem Neusser Unternehmen gespendet.
100 Tonnen Sand wurden von einem Neusser Unternehmen gespendet. Foto: Stefanie Petersen

Die Lockerungen kamen, aber das Problem war: Vor der Halle am Franz-Rennefeld-Weg gibt es nur einen Tartanplatz, deutlich zu wenig für die 16 Teams mit ihren mehr als 200 Spielerinnen und Spielern. Es brauchte einen zweiten Platz. Doch wo soll man den auf die Schnelle hernehmen?

 Fleißige Helfer aus dem Verein bringen den Sand mit Schubkarren auf den Platz.
Fleißige Helfer aus dem Verein bringen den Sand mit Schubkarren auf den Platz. Foto: Stefanie Petersen

Da kam der Hinweis auf einen verlassenen und gehörig in die Jahre gekommenen Beachvolleyballplatz des benachbarten Tennisvereins gerade recht. Und auch wenn es bis dahin kaum Berührungspunkte mit dem TC Kartause gab, wurden sich die Klubs schnell einig. Die Tennisspieler waren nämlich seit längerem unglücklich über den Zustand des Sandplatzes, fanden nur niemand, der sich darum kümmern wollte. Also sah der Deal folgendermaßen aus: Die Handballer dürfen den Platz fortan kostenlos nutzen, dafür richten sie ihn her, und wenn die Tennisspieler doch noch mal drauf wollen, ist das auch kein Problem.

Einfach gesagt, ist aber längst nicht einfach getan. Denn jetzt ging die Arbeit erst richtig los. Wochenlang wurde geplant und organisiert. Dann ging es an die Vorarbeiten, ans Umgraben und Entwurzeln, auch überhängende Äste von Bäumen am Rand mussten gestutzt werden. Ehe ein neuer Kunstrasen und der neue Sand aufgetragen werden konnten. Die rund 100 Tonnen Sand spendete die Neusser Firma Kamps.

Wochenlang sollte das alles dauern. Doch weil so viele Mitglieder Zeit hatten und kräftig mit anpackten, war der ursprüngliche Zeitplan schnell Makulatur. Insgesamt waren mehr als 100 Spielerinnen und Spieler, Trainer, Eltern im Einsatz. Gleich am Tag der Lieferung bewegten sie 54 Tonnen Sand, mehr als 600 Schubkarren wurden über den knapp 200 Meter langen Weg von der Straße bis zum Platz geschoben. Ein Knochenjob, doch beschwert hat sich niemand.

„Da hat man sich noch mal ganz anders kennengelernt, auch die Hintergründe der Mitglieder“, sagt Holger Petersen, Leiter der Handballabteilung. Petersen und seine Frau Stefanie, die im Vorstand des Fördervereins sitzt, waren fast jeden Tag vor Ort. Und freuten sich über die zahlreichen Begabungen im Verein. Über den Bauingenieur, der den Platz absteckte und einen genauen Plan erstellte, wie viel Sand auf welchen Quadratmeter darf. Über geschickte Handwerker, die allerlei Maschinen bedienen können. Und über den Rest, der half, wo es ging. „Das hat uns als Verein richtig zusammengeschweißt und den Familiencharakter der SG Unterrath noch mal neu betont“, sagt Petersen.

Das sagt sich ja immer leicht daher. Der Verein als große Familie. Meist packen ja doch nur die dreieinhalb gleichen Leute an, meist leben die einzelnen Mannschaften recht autark vor sich hin. Doch bei den SGU-Handballern tut sich wirklich was. „Wir haben das schon vergangenes Jahr beim Sponsorenlauf gemerkt“, sagt Yvonne Dierkes vom Förderverein. Der gründete sich vor knapp einem Jahr, der Sponsorenlauf in der Halle war eine der ersten großen Aktionen. Die Kinder liefen Runden, die Erwachsenen zählten. Und wenn einem Kind die Kraft ausging, nahmen die Großen es einfach huckepack, damit es noch ein paar Runden schafft und mehr Geld in die Kasse kommt. „Da dachten wir: Schön, dass das alles zusammenwächst“, sagt Dierkes, die beim Umbau des Sandplatzes nun dasselbe Gefühl hatte.

Eben jener Platz ist noch nicht ganz fertig, es fehlen noch die Tore, die dieser Tage kommen sollen. Trotzdem wird schon fleißig gespielt. Natürlich würden alle die Abstands- und Hygieneregeln beachten, „aber wir sind nun völlig autark von städtischen Hallen oder Nutzungsbedingungen“, sagt Holger Petersen, der selbst zwei Jugendteams trainiert und sich über die neuen Trainingsmöglichkeiten freut: „Speziell bei der Jugend können wir jetzt viel Technik trainieren, die Bewegungen im Sand sind langsamer, da kann ich sehr gut Koordination und Schrittfolge korrigieren.“

Langfristig könnte aber sogar mehr draus entstehen. Denn Handball auf Sand ist keine Unterrather Erfindung. Wie Beachvolleyball oder Beachsoccer gibt es auch Beachhandball als eigenen Sport, auch in Deutschland gibt es eine Tour. Die SGU spielt wettkampfmäßig noch ausschließlich in der Halle, „aber wenn die Kinder daran so viel Spaß haben, dann werden wir auch mal an speziellen Turnieren teilnehmen“, sagt Petersen, der ohnehin davon ausgeht, dass die Strandvariante mit all ihren Sprüngen, Pirouetten und Tricks in den nächsten Jahren populärer wird. 2018 gehörte Beachhandball schon zum Programm der Olympischen Jugendspiele, Ende dieses Jahres wird darüber entschieden, ob der neue Sport 2024 in Paris auch bei den Spielen der Erwachsenen aufgenommen wird.

Auch der Deutsche Handball-Bund ist interessiert. Aktuell veranstaltet er eine Umfrage zum Thema. Es gehe darum, „einen besseren Gesamtüberblick über die Lage in Deutschland zu schaffen und die Strukturen zu verbessern“. Beim europäischen Verband EHF war Beachhandball dieser Tage ebenfalls Thema bei einer Tagung. Viele Sportarten machen sich ja gerade Gedanken darum, wie sie die nächste Generation an sich binden können. Eine Generation, der nachgesagt wird, auf kleine Highlight-Clips in den sozialen Medien zu stehen und weniger auf zweistündige Übertragungen. Da hat eine spektakuläre Strandsportart, die nach guter Laune und Urlaub schmeckt, vielleicht bessere Chancen.

Zur SG würde sie passen. Die Handballabteilung boomt. 2014 gab es gerade mal zwei Jugendmannschaften mit insgesamt 24 Kindern. Jetzt ist bis auf die A-Jugend jede Altersklasse besetzt, mehr als 180 Spielerinnen und Spieler tragen das blaue Trikot. All die haben nun einen neuen Platz. Und vielleicht bald auch eine Sportart.