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Stadtteilchen über Wortschöpfungen aus der Hölle - und aus Düsseldorf

Stadt-Teilchen : Das Wortmonster des Düsseldorfer Verkehrsamts

Unser Kolumnist Hans Hoff weiß, welche Wortschöpfungen aus der Hölle es gibt und wo sie in Düsseldorf zu finden sind.

Wenn mir mal wieder nach großer Poesie ist, dann gehe ich an eine Quelle, die mich labt, die mich erstaunt, die mich erheitert. Es sprudelt dort, dass es eine Freude ist. Es sprudelt ohne Unterlass. Immer wenn ich komme, sprudelt es, und immer ist es eine wunderbare Mischung aus Vertrautem und Neuem.

Die Quelle heißt „Newsletter der Landeshauptstadt Düsseldorf“, und man findet meine Quelle, wenn man bei „duesseldorf.de“ auf „Aktuelles“ tippt. Dort kann man die Quelle abonnieren und so glücklich werden wie ich.

Nicht nur wird man dort tagesfrisch über alles informiert, was sich in der vom Rathaus aus überblickbaren Welt tut, man kann sich gleichzeitig erfreuen an wunderbaren Wortkreationen, die man lange schon für ausgestorben hielt. Man findet auch solche Exemplare, von denen man gar nicht ahnte, dass sie existieren.

 WZ-Kolumnist Hans Hoff.
WZ-Kolumnist Hans Hoff. Foto: NN

Böse Zungen sagen, es handele sich bei den Fundsachen, die dort feilgeboten werden, um amtsschimmeligen Sprech, um überkommene Wortwahlen, aber diese Menschen haben halt böse Zungen und keinen Sinn für Gemeinde-Lyrik.

Der Klassiker, den ich schon eine Weile über alles vergöttere, ist ja der lärmoptimierte Asphalt. Der wird in den Meldungen des Newsletters alle naselang irgendwo aufgetragen, was brav vorher gemeldet wird, woraufhin ich mich jedes Mal frage, wie man denn wohl Lärm optimiert. Heißt Lärmoptimierung, dass man alles an Lärm herausholt, was so im Asphalt steckt? Und wenn man den Lärm dann rausgeholt hat, wo lagert man ihn end? Oder geht es eher darum, dass der Lärm als solcher seiner Existenz verlustig geht, weil nach der Asphaltierung alles so leise ist, dass man strenggenommen gar nicht mehr von Lärm sprechen dürfte? Wie nennt man Lärm, wenn er leise ist?

Es sind solche Mysterien, die mich als professionellen Wortklauber, der seine Freizeit gerne auch mal in der Wortspielhölle verbringt, immer wieder faszinieren. Mein Enthusiasmus schlägt halt zusammen mit meiner spontan überbordenden Fantasie hohe Wellen, wenn ich etwa, wie kürzlich geschehen, vom „Naturerfahrungsraum Lörick“ lese. „Was ist da los in Lörick?“, frage ich mich spontan. Wie zwängt man Natur in einen Raum, und ist die Natur dann noch Natur, wenn man sie einräumt?

Ähnliche Verwunderungsattacken muss ich aushalten, wenn ich den beim Jugendamt schon seit Jahrzehnten gebräuchlichen und offenbar niemals effektiv auf Tauglichkeit überprüften Begriff „Jugendfreizeiteinrichtung“ lese. Mal laut und bewusst aussprechen: Jugendfreizeiteinrichtung. Schon als ich Ende der Siebziger Jahre als Honorarkraft in einer solchen Jugendfreizeiteinrichtung aushalf, fanden wir im Team den Begriff schwer unangebracht. Wohl deshalb hieß die Jugendfreizeiteinrichtung einfach „Treff“. Das war schnell gesprochen, und man musste sich nicht lange fragen, wie man denn so eine Jugendfreizeit einrichtet. Kauft man da was von Ikea?

In ähnlichem Fahrwasser dümpelt in meinen Ohren der Begriff „Freizeitstätte“. Kann man jemanden, der mit Instagram und TikTok aufwächst, noch erklären, was eine Freizeitstätte sein soll? Eine Stätte für die Freizeit? Es wimmelt in meiner Newsletter-Quelle manchmal von solch antiquierten Begriffen. Ich nenne sie Wortmonster, weil sie von Bürokraten einst aus dem Sumpf des guten Willens gezogen wurden, sich dann aber rasch von ihrer Amtsbezeichnung entfernten, was aber niemals niemandem auffiel.

Jugendhilfeausschuss“ ist auch so ein Wort, das wohl Jahrzehnte gute Dienste getan hat, das man aber, wenn man es einmal bewusst und betont ausgesprochen hat, nie mehr hören, geschweige denn in den Mund nehmen möchte, weil Ausschuss nun mal sehr nach Entsorgung klingt.

Besonders erfreuen mich, wenn ich mal wieder an meine Quelle gehe, die Begriffe aus der Verkehrsplanung. In der Adventszeit habe ich diesbezüglich beinahe einen Freudentanz aufgeführt. Da war die Rede von einer Behelfsbrücke am Kennedydamm, und es wurde verkündet, dass es bei deren Abriss zu Beschwernissen kommen könne. Dabei fiel mir ein Satz wie ein Goldstück in den Schoss. Ich schnitt ihn aus und schob ihn unter mein Kopfkissen, von wo aus er meine Träume lange beflügelte.

Das Amt für Verkehrsmanagement hat die Anlieger per Hauswurfsendung über die Arbeiten informiert und bittet um Verständnis für unvermeidbare verkehrliche Beeinträchtigungen.“ So stand das da, ich wusste gar nicht, wo ich anfangen sollte. Sollte ich über das Amt für Verkehrsmanagement sinnieren? Oder sollte ich meinen Fernseher einschalten, um die Sendung, in der offensichtlich mit Häusern geworfen wird, die Hauswurfsendung, nicht zu verpassen?

Besonders begeistert war ich allerdings von den unvermeidbaren verkehrlichen Beeinträchtigungen. Ich beschloss, diese anmutige Komposition in meinen aktiven Wortschatz zu übernehmen. Ich malte mir schon aus, wie ich demnächst jemandem im Wege stehen und mich dann mit Worten wie Blumen aus der Affäre ziehen würde. „Verzeihen Sie die von mir verursachten verkehrlichen Beeinträchtigungen“, würde ich sagen und dabei meinen nie getragenen Hut lüften.

Natürlich gibt es immer wieder Menschen, die mit einer eher unanständig zu nennenden Interpretationsgabe versehen sind. Ein Freund ist solch ein Exemplar. Er meinte, das mit den verkehrlichen Beeinträchtigungen unbedingt sexuell konnotieren zu müssen.

Er wies mich mit einem anzüglichen Grinsen auch auf ein Schild hin, dass er an der Umweltspur in Wersten entdeckt hatte. Dort stand „Kraftomnibusse im Gelegenheitsverkehr“, was ein Hinweis sein sollte, dass Reisebusse auch die Umweltspur benutzen dürfen. Mein Freund kicherte, weil er natürlich das Wörtchen „Gelegenheitsverkehr“ als Synonym für promiskes Verhalten interpretierte. Ich erteilte ihm darob eine Rüge und drohte ihm mit der Einweisung in eine Jugendfreizeiteinrichtung.

Trotzdem kam ich ins Grübeln, weil mir sowohl der Gelegenheitsverkehr als auch die Kraftomnibusse zum allerersten Mal in meinem bislang nicht kurzen Leben begegneten. Ich kannte natürlich den Begriff Omnibus als längst nicht mehr gebräuchliche Bezeichnung für das, was wir heute Bus nennen. Völlig ratlos ließ mich aber die Kombination aus dem überkommenen Omnibus und der Kraft zurück. Ich fragte mich, ob es noch andere als Kraftomnibusse gibt. Vor allem interessierte mich, wo das Wörtchen Kraftomnibus all die Jahre gesteckt hat, wo es sein Dasein fristete. Wahrscheinlich in irgendeinem vergessenen Rathausbüro. Da lebte der Kraftomnibus in trauter Zweisamkeit mit dem Amtsschimmel.

Nicht überliefert ist, ob sie dort einen Fernseher hatten, auf dem sie nachschauen konnten, wie in einer Sendung Häuser geworfen wurden. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass sie dort tief drinnen im Rathaus noch immer wohnen. Vielleicht haben sie dort dann auch tatsächlich ab und an Gelegenheitsverkehr. Anders wäre ja auch kaum zu erklären, woher sonst die ganzen Wortmonsterkinder kommen, die regelmäßig den städtischen Newsletter zur Freude für alle Poeten machen.