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Stadt-Teilchen: Zeit zum Träumen - in der hektischen Stadt

Stadt-Teilchen : Zeit zum Träumen - in der hektischen Stadt

Straßenkünstler bieten Nischen im Alltagstrubel

Düsseldorf. Es ist normal, dass Menschen an Menschen vorbeigehen. Ohne einander zu beachten. Sie streben nach vorn. Sie wollen wo hin. Das ist Großstadt. Keine Zeit für nichts. Großstadt muss funktionieren. Am besten reibungslos. Alles soll klappen, schnell, effizient und ohne Verzögerung.

Allerdings besteht das Leben nicht nur aus Funktion. Lebenswert wird es erst, wenn was dazwischenkommt, wenn es plötzlich einen Grund gibt, den Schritt zu verlangsamen, innezuhalten, vielleicht sogar zu staunen. Dass es sowas gibt!

Plötzlich steht da ein Mann vor den Streitenden an der Mittelstraße. Es ist ein unscheinbarer Mann. Graubeige Windjacke. Eine Umhängetasche drückt den Jackenstoff knittrig. Über seinem Arm hängt ein Regenschirm. Für alle Fälle. Es liegt Feuchtigkeit in der Luft.

Doch das ist nicht das Besondere, das ist das Gewöhnliche. So sehen viele aus, die hier vorbeieilen. Das Besondere an diesem Mann ist, dass er redet. In einem fort. Er spricht von Gott. „Viele Wege führen nach Rom, aber zum Himmel, wer wird uns da bringen“, fragt er. Jo, Mann, wer wird uns zum Himmel bringen? Gute Frage.

Aber der Mann ist schon weiter. Er redet und redet. Er schaut niemanden an. Er redet einfach nur. Er braucht kein Publikum. Er ist sich selbst genug. Irgendjemand hat ihm gesagt, dass er sich hier hinstellen soll, dass er was zu erzählen hat. Eine innere Stimme, ein Freund, wer weiß.

Für ein paar Momente ist er der Stolperstein in dieser Straße, der Grund, aus dem Rastlosen auszubrechen. Ob er nun Quatsch absondert oder Weisheit, ist schwer auszumachen. Es ist für den Passanten, der ins Stocken gerät, nicht wichtig. Wichtig ist, dass dieser Mann Sand ins Getriebe streut und damit dem Alltag einen kurzen Moment des Durchatmens, eine kleine Sensation beschert.

Ein paar Meter weiter auf der Ecke zur Flinger Straße sitzt ein junger Mann mit Gitarre auf dem Rand des Blumenkübels. Auch er ist ein Stolperstein. Weil man kaum versteht, was er da spielt? Die Worte, die er von sich gibt, klingen eher undeutlich. Würde Til Schweiger mal den Film „Das große Nuscheln“ drehen, dann wäre dieser Mann die Idealbesetzung für die Filmmusik. Dann ist doch etwas zu verstehen. „Die Liebe ist der einzige Weg, dieses Chaos zu beseitigen“, singt er. Wenn das mal keine Weisheit ist. Die könnte sogar dem Prediger vor den Streitenden gefallen. Vielleicht sollten die beiden sich zusammentun. Sie könnten was erreichen. Aber wollen sie eigentlich was erreichen? Wollen sie nicht einfach nur da sein und das Dasein in dieser Stadt veredeln? Die Frage allein ist die Pause wert. Zwei Euro in die Kiste für den Gitarristen. Schöne Pause.

Nächster Stopp Bolkerstraße. Ein MEK „beehrt“ dort die Terrassengäste. Das musikalische Einsatzkommando mit Geige und Akkordeon drängt den Menschen Lieder auf, die kaum jemanden interessieren. Danach geht einer mit dem Hut herum und kassiert für die Belästigung. Kein Euro fürs MEK. Wer sich niederlässt, möchte seine Ruhe haben, möchte nicht ungefragt beschallt werden. Wer sich in den öffentlichen Raum begibt, sollte ein Angebot machen, das man annehmen oder ignorieren kann.

So wie der Seifenblasenmann, der vor ein paar Tagen vor der altstädtischen Zara-Filiale, die früher mal Woolworth war, für Verzückung sorgte. An einer langen Stange hatte er Schlingen befestigt, die er immer wieder in die Lauge tauchte. Und dann schwang er die Stange, und auf einmal war die Straßenecke verzaubert. Überall schwebten Seifenblasen. Hunderte? Tausende? Viele auf jeden Fall. Große, kleine, bunte, hohe, tiefe, die ganze Vielfalt der schwebenden Phantasie. Wer da nicht träumt, ist zu erwachsen. Verwachsen vielleicht sogar.

Dann kommt der Regen, und natürlich liegt der Schirm noch im Auto. Flucht in die Flinger Passage. Auch dort steht einer mit Gitarre, ein Alltagsvertreiber, ein Hektik-Verzögerer. Er hat eine teure Gitarre umhängen, den Koffer vor sich stehen. Er singt „Halleluja“ von Leonard Cohen. Er hat eine gute Stimme, ein intensive Stimme. Ein bisschen schleppend intoniert er vielleicht, aber bekanntlich war auch Cohen nie der schnellste Klopfer im Liederring.

Niemand beachtet den Gitarristen, niemand scheint seine Leidenschaft zu bemerken. Leidenschaft, Passion, echtes Wollen. In der Flinger Passage. An einem der tristesten Orte, die man sich in einer glitzernden Metropole wohl vorstellen kann. Die Decke niedrig, das Licht schal, die Menschen hastig. Doch auf einmal ist da emotionaler Einsatz zu spüren. Aber niemand nimmt Notiz.

Der Gitarrenmann stimmt „Fields Of Gold“ an. Von Sting. Wieder ist da diese Inbrunst in der Stimme. Ein paar Schritte weiter führt der Aufgang zur Oper. Aber die große Oper ist jetzt und hier. Bei diesem Gitarristen, der den Menschen den Regentag versüßen möchte. Fünf Euro in den Koffer.

Aber die Menschen hören ihn nicht. Sie gehen vorbei, sie eilen zur U-Bahn. Selbst schuld. Sage noch jemand, Düsseldorf sei eine hektische Stadt. Ja, das ist sie, werde ich antworten, aber nur dann, wenn man das Staunen verlernt hat, wenn man die Zeichen nicht bemerkt. Oder die Sänger. Und den Redner. Oder die Seifenblasen. Man muss die Zeichen nur sehen wollen. Dann sind sie da. Dann glänzt Düsseldorf auch an einem Regentag.