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Stadt-teilchen: Strauss ist raus und Stern ist fern — doch es gibt Hoffnung in der einstigen Walachei

Stadt-teilchen : Strauss ist raus und Stern ist fern — doch es gibt Hoffnung in der einstigen Walachei

Düsseldorf. Als die Straßenbahn vor einem Jahr endlich unter der Erde war, wurden besorgte Stimmen laut, dass sich jetzt auch Handel und Wandel in der Friedrichstadt begraben lassen könnten, wird der Stadtteil doch ohnehin wie ein Stiefkind behandelt.

Umso schöner, dass es jetzt ausgerechnet die 701 ist, die wieder frischen Wind ins Viertel bringt. Nein, nicht die alte Bimmelbahn, die früher die längste Strecke durch die Stadt und damit auch die Walachei genannte Friedrichstadt durchfuhr, sondern der nach ihr benannte rührige Kunstverein.

Mit seiner aktuellen Kunststellung nach Pop-up-Manier hat 701 einen der zahlreichen Leerstände auf der Friedrichstraße zumindest temporär gefüllt (noch bis 19. Februar). Titel: „Strauss ist raus“. Dagegen: Kunst kommt rein. Auslöser war die Idee des Künstlers Atit Sornsongkram, der ungenutzte Schaufenster fotografiert. Daneben gibt’s noch andere Kunstwerke zum Thema zu entdecken.

Gute Idee! Die hätte man sich auch in noch größerem Rahmen vorstellen können, in der ehemals größten Buchhandlung der Stadt. Wenn ich dort an der langen Front vorbeigehe, wird mir immer wehmütig: Im ansonsten leeren Schaukasten eine Danksagung an die Kundschaft. Darunter hat sich ein Obdachloser gegen die dunkle, düstere Kälte dieses Ortes in eine olle Decke gewickelt. Stern ist fern. Nahe liegend, auch diese großzügigen Räume zwischenzeitlich für eine Ausstellung zu nutzen.

Dagegen lockt jetzt im alten Strauss wieder Licht zwischen Leerständen. Das strahlt, so scheint’s, auch nach rechts und links aus. Auf der einen Seite ein Trödler, der sich „Kunsthandel“ nennt und schon mal ein Exemplar von Christos „Wrapped Trees“ auf eine Staffelei gestellt hat. Auf der anderen Seite kann man sich dauerhaft Haare entfernen lassen, ein paar Schritte weiter „erotisch shoppen“, aktuell eine Art Wundertüte für 29,95 Euro zum Valentinstag (Aufdruck: „Zeit zum Verwöhnen“). Die Packung sieht aus wie das Sixpack Spezial-Bier, das es in einem Craft Beer-Shop ein paar Häuser weiter gibt. Dazwischen einer der wenigen Bio-Supermärkte in der Stadt.

Hach, es ist diese Mischung, die mich immer wieder anmacht in der Friedrichstadt. Was man hier nicht alles findet: eine Botschaft (Portugal) und eine Salzgrotte im selben Haus. Alles zusammen ist doch viel spannender als die High-Fashion-Filialitis auf der Kö. Wobei das Ende der Kö nicht gleichbedeutend ist mit dem des Luxus. Die Allee reicht bekanntermaßen bis in die Friedrichstadt. Und auch dort gibt es Gucci-Stiefel, Prada-Pumps und Louis-Vuitton-Täschchen, allerdings aus zweiter Hand in einem eher unscheinbaren Vintage-Lädchen. Nicht weit davon sind auf der gegenüberliegenden Straßenseite in einer „Galerie de Luxe“ Hermes Kelly-Bag, Burberry-Klamotten und Bulgari Ringe aufgereiht zu mittleren fünfstelligen Preisen. Muss man nicht haben. Aber man könnte.

Shoppen in der Friedrichstadt, das ist für mich auch oft Liebe auf den zweiten Blick aus zweiter Hand. Als ich altes, schönes Geschirr suchte („Kein Problem, können wir in Einzelteilen bestellen“, bot sich der Platzhirsch auf der Kö an), fand ich es bei „Cash & raus“, dem Entrümpler an der Herzogstraße. Gerade höre ich eine neue Lieblings-CD von Chet Baker. Hab ich von Oxfam. Für zwei Euro und einen guten Zweck.

Lass’ sie doch alle auf neusozialdeutsch Diversity fordern, hier wird sie längst vielseitig gelebt. Gemessen an der Bevölkerungsdichte ist Friedrichstadt sogar das reichste Stadt-Teilchen von Düsseldorf. Hier leben jede Menge Singles, auch mehr Ausländer als in der Reststadt, nicht zuletzt, weil die Quadratmetermieten im Schnitt noch unter 10 Euro liegen, die für Eigentum mit 2 400 Euro weit unter dem Preis einer neuen Kelly-Bag. Allerdings sind im Pendler-Zentrum von Düsseldorf auch das Fahrzeugaufkommen und die Luft dichter als anderswo, vor allem auf der Nord-Süd-Achse Corneliusstraße.

Die Welt ist wahrscheinlich so wechselhaft und kunterbunt hier, weil die Friedrichstädter das meiste immer noch und immer wieder aus eigener Kraft stemmen (müssen). Manchmal möchte man ihnen empfehlen, sich gleich selbst regieren mit dem Anspruch: „Friedrichstadt first“ und durchrauschende Rest-Düsseldorfer einfach mal auszusperren. Zollstation wäre am Curry-Wurst-Äquator, am Graf-Adolf-Platz, Endstation der Bilker Bahnhof. Dazwischen Chaos - das hier ohnehin zu Hause ist: im Chaosdorf an der Hüttenstraße, einem Ableger des Chaos Computer Club.

Fürs Erste würde es ja reichen, das Stiefkind Friedrichstadt einmal mehr auf den Schoß, sprich die Agenda zu nehmen. Warum muss die lange Tafel immer nur auf der Kö oder am Rheinufer gedeckt werden? Ich seh’ sie vor mir auf der Friedrichstraße, freu mich schon auf Stullen to go vom Niederländer Albert Heijn, Türkische Pizza vom Anadolu, Reisröllchen aus der Sushi-Bar, scharfe Sachen vom Inder Ganesha, süßes Eis von „Dolce Vita“, nicht zu vergessen die Curry-Wurst vom Kontrollpunkt „Berliner Eck“ und noch viele andere Köstlichkeiten aus aller Welt Und wer sich bekleckert: Auf der Friedrichstraße gibt’s die „wahrscheinlich günstigste Reinigung der Welt“, wo man ab einem Euro wieder eine reine Weste bekommt.