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Stadt-Teilchen: Stolpersteine: Ewige Unruhe zwischen zwei Himmeln

Stadt-Teilchen : Stolpersteine: Ewige Unruhe zwischen zwei Himmeln

Kasernenstraße: Dem Vergessen werden Stolpersteine in den Weg gelegt

Düsseldorf. Was macht man, wenn man gestolpert ist? Man sammelt sich. Ich sammle — seit mir das Vergessen Stolpersteine in den Weg gelegt hat. Nicht mich, sondern Informationen über Erich und Antonie Felsenthal. Schon zuvor hatte ich hin und wieder in meiner Stadt zu meinen Füßen diese 10 mal 10 Zentimeter messenden Messing-Quadrate aufblinken sehen, mit denen der Kölner Künstler Gunter Demnig an die Opfer des Nationalsozialismus vor deren letzten Wohnstätten erinnert. 291 dieser kleinen Mahnmale sind inzwischen verlegt in Düsseldorf.

Wie wohl die meisten bin ich oft einfach darüber weggegangen. Wie das so ist: Der Mensch reagiert und interessiert sich erst ernsthaft für etwas, wenn es vor seiner eigenen Haustür passiert. Das war schon so Ende der 70er Jahre, als ich noch am anderen Ende der Kasernenstraße wohnte und dort das ehemalige Bunker-Hotel abgerissen wurde.

Eine kuriose unterirdische Herberge, die Düsseldorfer nannten sie „Abrahams Schoß“, weil sie auf dem Grundstück der in der Nacht vom 9. zum 10.November 1938 zerstörten Synagoge errichtet worden war. Die Sprengung gestaltete sich schwierig und langwierig. Sprengmeister Hackmann (der spätere Karnevals-Prinz Klaus II) erklärte uns Anwohnern: „Wir könnten das auch mit einem Rums machen, dann brauchen sie hier aber neue Stadt-Pläne.“

Das Handelsblatt hatte das historische Grundstück Anfang der 80er Jahre gekauft, vor seinem Redaktions- und Verlagsgebäude einen Gedenkstein und in seinem Foyer ein Modell der 1904 nach den Plänen des Architekten Josef Kleesattel erbauten Synagoge aufstellen lassen. Als bei mir im Schrank die Gläser heftig klirrten, konnte ich noch nicht wissen, dass ich in dem danach errichteten spitzen Hentrich-Bau 20 Jahre meine Arbeitszeit darin verbringen würde. Vor dem Haus gab es nicht nur jährliche Kranzniederlegungen zum Gedenktag an die Brandnacht von 1938, sondern in den 90er Jahren immer mal wieder Bombendrohungen, bei denen oft mitten in der Zeitungsproduktion das Haus komplett geräumt werden musste. Was ich auch nicht wusste: Dass ich, als ich mitten in die U-Bahnbaustelle umzog, vom alten Synagogen- auf den uralten Synagogen-Platz zog.

Im Stadtbild gibt es keinen Hinweis auf den 1792 nach Plänen des Architekten Peter Joseph Krahe errichteten Bau. Da musste ich erst über die Felsenthals stolpern. Erich und Antonie. Wer waren sie? Sind sie dieselben Stufen gestiegen wie ich? Wahrscheinlich auf feinem Teppich, davon künden noch die Messingbefestigungen in den Stufenecken. Heute ist das Treppenhaus des 1905 errichteten Hauses leider arg heruntergekommen, die Erbengemeinschaft pflegt es nicht, das Andenken sowieso nicht. Man weiß wenig über die Nachkriegszeit an dieser Stelle.

Im Keller fand ich noch einen Kalender der Kreissparkasse, („Für Ihren Schreibtisch — zu Ihrer Freude“). Darin hat ein 17-jähriger Teenager namens Evelyn H. in Schönschrift, manchmal auch in Stenographie, sein Jahr 1959 stichwortartige festgehalten. Eigentlich hat Evi damals schon getwittert, dass sie nach der Handelsschule mit der „Klicke“ im Eis-Café Napoli in der Oststraße herumlungerte, in der Kulisse in der Altstadt war, im VW rum gefahren ist — bis zu einem Mittwoch, den 13.: „Es ist alles aufgefallen. Ich bin völlig verzweifelt (geweint)“. Vielleicht hatte sie heimlich geraucht. Ernte 23 und Stuyvesant waren ihre Einstiegsdrogen.

Erich Felsenthal, der ein halbes Jahrhundert vorher in demselben Haus lebte, war Zigarrenhändler. Doch nicht nur das. Der Kaufmann war von 1922 bis 1938 Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf und auch über die Stadtgrenzen hinaus eine bekannte, vielfältig engagierte Persönlichkeit. Dass sein Stolperstein nicht allein blieb, sondern daneben jetzt der seiner Toni glänzt, ist ein Verdienst der Düsseldorfer Weiter. In Düsseldorf wurde auch ihr Sohn Erich geboren. Zu ihm flohen sie 1939 vor den Nazis nach Den Haag. Erich lebte dort mit seiner Familie. Doch auch dort konnten die Felsenthals nicht sicher sein.

Nachdem die Deutschen die Niederlande überfallen hatten, brachte man sie zuerst ins Internierungslager Westerbork, später nach Auschwitz, wo sie 1943 ermordet wurden. Erich Felsenthal starb 1945 im KZ Bergen-Belsen. Selbst die Stolpersteine kommen nicht zur Ruhe. Wenn die Kasernenstraße endlich neu gestaltet ist, werden sie nochmals umgebettet in den neuen, breiteren Bürgersteig. Gestolpert waren im Zuge der Wehrhahn-Linie auch die Bauarbeiter über einen jüdischen Friedhof, der Ende des 17. Jahrhunderts in Höhe der Benrather Straße angelegt worden war. Der von Archäologen begleitete U-Bahn-Bau wurde gestoppt und wäre beinahe zum Erliegen gekommen. Nach jüdischem Glauben dürfen Tote nicht umgebettet werden. Ausnahme: wenn sie dadurch in eine bessere Lage kommen, zum Beispiel in Heimaterde in Israel.

Auf dem Friedhof der Kasernenstraße sollen auch die Eltern von Heinrich Heine begraben worden sein. Deren ewige Ruhe wurde schon 1884 bei der Kanalisierung der Kasernenstraße gestört. Ihr Grabstein steht heute auf dem jüdischen Friedhof an der Ulmenstraße. Man einigte sich schließlich mit der Jüdischen Gemeinde darauf, mit der U-Bahn das Gräberfeld zu unterwandern.

Vielleicht ein Zufall oder auch nicht, dass die Station an der Benrather Straße als ein ewiges Universum gestaltet ist. Der Künstler Thomas Stricker gab ihr den Titel: „Himmel oben, Himmel unten“ — quasi mit einem Friedhof dazwischen. Eine Art ewige Unruhe. Stolpersteine seien nicht nur ein Kunstprojekt, sondern ein Stück Gedenkkultur, erklärt Hildegard Jakobs, stellvertretende Leiterin der Mahn- und Gedenkstätte, die von Zeit zu Zeit kostenlose Rundgänge anbietet. Der nächste ist am Sonntag, 4. September.