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Stadt-Teilchen: Sie war die pure Verführung, sie okkupierte Jugendträume

Stadt-Teilchen : Sie war die pure Verführung, sie okkupierte Jugendträume

Ich habe Angélique wiedergesehen. Nicht die vom Tennis. Eine andere Angélique. Nach so vielen Jahren sind wir uns wieder begegnet. Wie lange ist das her, seit wir das letzte Mal Kontakt hatten? Ich kann mich schon gar nicht mehr erinnern.

Es muss irgendwann in den späten Sechzigern gewesen sein, vielleicht auch in den frühen Siebzigern. Ich weiß nur, dass Angélique immer eine besondere Schönheit war. Sie hatte langes, wallendes Haar. Rötlich schimmernd, wenn ich mich recht erinnere. Wenn mein Vater sie in schwelgendem Ton eine rassige Schönheit nannte, rümpfte meine Mutter stets leicht indigniert die Nase. Solche Worte wollte sie nicht hören, schon gar nicht aus dem Mund ihres Gatten. Aber was sollte man machen?

Foto: Weihrauch/dpa

Angélique war die pure Verführung. Sie okkupierte meine Jugendträume, obwohl ich ihr nie wirklich nahe gekommen bin. Es gab da immer eine gewisse Distanz zwischen ihr und mir. Bis zu unserem jüngsten Treffen. Ich sah sie am Rheinufer wieder und dachte, dass sie doch auch in die Jahre gekommen ist. Ich traf sie in einer Art Altenheim für Wesen ihrer Art, wo mir als Allererstes ihr leicht vergilbter Rücken auffiel. Von wallendem Haar keine Spur mehr. Stattdessen wurde ich beim Näherkommen gewahr, dass Angélique seltsam roch. Der Muff der Jahre haftete ihr unverkennbar an. Was man halt so ansetzt, wenn man irgendwohin zum Verstauben abgeschoben wird, wenn man nicht mehr aufregend genug wirkt und dann schließlich überflüssig ist, weil so viele, die sich einst für Angélique interessierten, längst den Weg alles Irdischen gegangen sind.

Nein, das war nicht mehr die Angélique meiner Träume, das war nichts weiter als ein altes Buch in einem dieser gläsernen Bücherschränke, die jetzt überall die Menschen einladen, zu nehmen und zu geben.

Ich habe dann selbst einmal Bücher da reingepackt, bin am Mannesmannufer mit dicken Tüten an den Bücherschrank geschlurft und habe dort hineingestellt, was mir nicht mehr lesenswert erschien. So etwas geht schnell bei mir. Habe ich ein Buch durch, gebe ich es weg. Wenn es gut ist, kriegen es Freunde, wenn es nicht so gut ist, sollte ich es eigentlich in den Müll tun. Aber Bücher dürfen nicht in den Müll. Da sträubt sich was in mir. Also kommen die Nicht-gut-genug-für-Freunde-Bücher in den Bücherschrank. Es waren viele sehr gut erhaltene, sehr aktuelle Bücher, die ich dabei hatte, und es dauerte eine ganze Weile, bis ich sie dort verstaut hatte.

Ich musste mehrere Angélique-Bände, die ganz offensichtlich aus irgendeiner ungewollten Hinterlassenschaft stammten, zur Seite schieben und auch „Vom Winde verweht“, Bücher, die offenbar niemand mehr wollte, obwohl sie mal echte Bestseller waren. Ich bekam meine mitgebrachten Lesewerke gerade so in den Schrank und trollte mich. Als ich eine Stunde später noch einmal nach meinen Hinterlassenschaften schauen wollte, staunte ich nicht schlecht. Fast alles, was ich gerade dort abgestellt hatte, war schon weg. Alles Frische war futsch. Nur Angélique stand noch da und müffelte vor sich hin. Niemand wollte Angélique. Sie tat mir sehr leid. In den Sechzigern war sie ein echter Star gewesen, ein Topseller im Buchclub.

Von einem Buchclub-Vertreter hatten sich meine Eltern damals ein Abonnement aufschwatzen lassen, und immer, wenn sie mal ein Vierteljahr nicht in den Buchclubkatalog geschaut und sich was ausgesucht hatten, kam automatisch der so genannte Auswahlband. Meistens war es Angélique. So schien es mir jedenfalls, denn es stapelten sich die Geschichten rund um das rassige Weib in unserem Regal. Es sollte nach ein bisschen Bildung aussehen, war aber letztlich doch nur Dokument des Willens meiner Eltern, wenigstens einen Hauch von Intellektualität durchs Eichenschrankwandwohnzimmer wehen zu lassen. Gelesen hat diese Bücher meines Wissens nie jemand. Nicht mal ich, der ich doch so schwärmte. Mir reichte der Umschlag mit dem Bild von der tollen Frau mit den tollen Locken. Ich seufzte. Ach, Angélique, dachte ich. Was ist aus dir geworden? Wo ist das Rassige hin? Wo ist der Umschlag mit dem Bild? Und wie sollst du den Winter überstehen in diesem zugigen Glaspalast der Tausch-Moderne? Ich konnte das nicht mit ansehen. Mein Herz wurde weich, und schließlich nahm ich Angélique mit zu mir nach Hause. Nein, ich bin ihr nicht zu nahe getreten. Ich habe es nicht zum Äußersten kommen lassen. Ich habe das Buch nicht gelesen. Irgendetwas in mir sträubte sich. Meine Eltern werden schon einen Grund gehabt haben, diese Bücher nur als Schmuck genutzt zu haben.

Angélique wohnt nun ganz hinten im Flur, dort wo ich selten vorbei muss und wo ihr Geruch nicht gar so stört. Ab und an gehe ich an ihr vorbei und streichele ihr zart über den Buchrücken. Sie hat das verdient, schließlich ist sie die Frau, die einst meine juvenilen Träume in ungeahnte Höhen hob. Die gute Tat tut meiner Seele gut. Ich kümmere mich gerne um die Alten. Aber gleichzeitig schreckt mich auch der Gedanke, was wohl mit Angélique passiert, wenn ich dereinst nicht mehr bin. Kommen dann meine Erben und setzen sie wieder aus in einem zugigen Bücherschrank? Muss sie ewig weiterleben? Immer wieder wandern zwischen Mitleid und Vernachlässigung?

Ich kann mir nicht helfen, aber Angéliques Schicksal und meine Begegnung mit ihr haben mir weitergeholfen im Leben. Ich weiß nun, dass Unsterblichkeit auch eine Plage sein kann und die Endlichkeit des Daseins eine Gnade. Danke für diese Einsicht, Angélique.