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Stadt-Teilchen: Hier gibt’s jede Menge Beton und einen Tausendfüßler-Ersatz

Stadt-Teilchen : Hier gibt’s jede Menge Beton und einen Tausendfüßler-Ersatz

Die Hölle liegt vor den Toren des Nordfriedhofes, besonders während der Rush Hour.

Düsseldorf. Ich war in der Hölle. Doch, es gibt sie. Ich kann das bezeugen. Ich war mittendrin und habe nur mit viel Glück und orientiertem Geschick wieder herausgefunden. Aber die Hölle wirkt nach. Immer noch rauscht es bei mir im Kopf, immer noch blinken die tausend Lichter des Höllenfeuers durch meine Synapsen. Wer einmal in der Hölle war, der trägt fortan die Hölle in sich.

Die Hölle heißt Nordfriedhof. Nein, nicht die Grabstätten sind gemeint, sondern der Mobilitätsmoloch, der sich vor den Toren der Ruhestätte auftut, der den größtmöglichen Kontrast zur Ruhe der Toten markiert. Hier die Stille, dort das Tosen.

Ich war dort an einem regnerischen Werktag gegen 17 Uhr. Ich wollte mir ein Bild machen. Ich wusste, dass da was los ist an dieser Kreuzung, die so viele Straßenarme verschränkt, dass einem rasch schwindelig werden kann. Von hier die Danziger Straße, von dort die Uerdinger und dann noch die Roßstraße und die Johannstraße. Straße ganz unten, Straße ganz oben, Straße mittendrin, Straße nach links, nach rechts, gewunden, gebogen.

Natürlich ist Stau. Es ist 17 Uhr, es ist dunkel, es regnet, warum sollte der Verkehr sich da nicht stauen. Beinahe hypnotisch wirken die langen Reihen der Lichter, die aneinandergereihten Vehikel, die sich oben auf der Überführung drängen. Ein bisschen wirkt das, als schiebe sich ein unendlicher Lindwurm stadteinwärts und begegne gerade seinem Kollegen, den es nach Norden zieht.

Wie ein gebogenes Kunstwerk wölbt sich die Hochstraße übers Geschehen. Für alle, die Sehnsucht nach dem abgerissenen Tausendfüßler haben, könnte das hier ein schöner Ersatz sein. Einfach mal zur Rush Hour vorbeikommen, gucken und sich erinnern.

Aber auch unter dem Beton gibt es was zu entdecken. Dort, wo sich die Hochstraße zum Kennedydamm neigt, ist unter der Abfahrt ein Betonklotz platziert. Oben auf ihm ist ein Steinkopf zu sehen. Sieht aus wie ein antiker Held, den irgendwer hier vergessen hat. Später erfahre ich aus der Stadtverwaltung, dass es sich bei dem Kopf-Körper-Pärchen um just jenes Werk handelt, das früher beidseits der Völklingerstraße zwischen den Tunneln die Verbindung zweier Siemens-Gebäude symbolisieren sollte. Als Siemens nicht mehr war, rollten Köpfe. Dieser hat es immerhin bis zum Nordfriedhof geschafft. Von einem Lärmquell zum anderen.

Lärm ist hier überall. Niemand muss hupen, damit es hier laut ist. Es ist immer laut, wenn Hunderte von Autos gleichzeitig damit beschäftigt sind, diesen Ort zu überwinden. Hier will niemand sein, hier will jeder weg. Dieser Platz ist kein Ort zum Verweilen, dieser Platz ist Transformationszone, nur geschaffen für den Übergang.

Die einen wollen von Ost nach West, die anderen von Nord nach Süd. Alle Richtungen sind im Angebot. Drei Autobahnen werden auf den zahlreichen Schildern annonciert. Die A44, A52 und die A 57 sind im Angebot. Als Zielorte offerieren die Schilder Essen, Mönchengladbach, Köln. Alles sehr attraktiv, wenn man hier durch muss. Überall ist schöner als hier.

Direkt neben dem Gewirr wohnen ganz offensichtlich Menschen. Hoch oben ist durch ein Fenster so etwas wie eine Wohnzimmereinrichtung zu entdecken. Wie kann man hier wohnen? Sicher, der Blick auf das Gewusele muss großartig sein, aber der Lärm, die Abgase, wie hält man das aus?

Neben dem ganz oben gibt es auch ein ganz unten. Im neonhell erleuchteten Tiefgeschoss ist auch Stau. In beiden Richtungen. Das verringert zumindest den Lärm ein wenig. Wie kranke Käfer kriechen die Autos dahin, sie sind gefangen in einer Betonröhre. Was wenn dort unten etwas geschähe? Wie käme man da raus? Man macht sich halt so seine Gedanken, wenn man in den Höllenschlund blickt.

Auf einmal fährt einer in die Kreuzung und kommt wegen des Staus nicht mehr heraus. Er zappelt nicht, er steht nur da, und die anderen rücken ihm auf die Pelle. Sie hupen, aber es nützt nichts. Es erklingt nur ein Hupkonzert, die übliche Nordfriedhof-Sinfonie, eine Kakophonie der Alltäglichkeit.

Für einen Moment scheint alles stillzustehen. Die Ampeln schalten von rot auf grün und wieder auf rot und dann wieder auf grün. Aber es nützt nichs. Rien ne va plus. Nichts geht mehr.

Und dann geht doch was. Nach endloser Zeit rührt sich die Metallmasse, es löst sich das eine Gefährt vom anderen. Die Glücklichen finden einen Ausweg aus dieser Hölle. Nur weg. Was Besseres als diese Kreuzung finden wir überall.Dieser Ort ist nicht schön. Darüber dürfte Einigkeit herrschen in der Stadt. Schönheit hat hier auch niemand beabsichtigt. Dieser Ort ist vielmehr ein Mahnmal, der Triumph der Zweckmäßigkeit. Schnell rein, schnell raus, so war das mal geplant. Langsam rein, ewig drin, langsam raus, so sieht die Praxis aus.

Aber es geht. Irgendwann fließt der Verkehr wieder. Irgendwann lösen sich alle Verstopfungen. Irgendwann zerlegt sich die Blechlawine wieder in ihre Bestandteile. Dann legt sich auch die akustische Unruhe und weicht einer Art Monotonie. Das Rauschen der Reifen, das Röhren der Motoren beim Start, das Quietschen, wenn mal einer sehr schnell um die Kurve muss und kann.

Wenn alles frei ist, geht es wieder. Aber es bleibt nicht lange alles frei. Morgen früh ist wieder alles dicht, geht alles wieder von vorne los. Dann kommt der Verkehrsteufel und hängt sein Schild raus. „Hölle offen“ steht darauf, und dann müssen alle wieder da durch.