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Königsallee: Ein Stein im Meer der geschäftigen Wuselei

Königsallee : Ein Stein im Meer der geschäftigen Wuselei

Düsseldorf. Es ist Sommer. Irgendwie. Es ist die Zeit der freien Straßen. Also zumindest dort, wo nicht gebuddelt wird. Der Mensch fühlt sich frei in dieser Zeit, er drängt nach draußen.

Raus aus den vier Wänden, rein in die Welt, die sonst nur Durchgangsstation ist. Schlendern durch Straßen, die man sonst nur durcheilt. Erblicken, was man sonst nicht sieht. Hören, was man sonst ausschließt.

Ich spaziere über die Kö. Ja, ich spaziere. Ich habe nichts zu tun sonst. Ich habe Zeit. Ich kann fixieren, was mir begegnet. Ich merke, es gibt viel zu entdecken. In einem Café sitzt ein Mann und schaut. Er beobachtet niemanden, er blickt nicht auf sein Smartphone. Er hält keine Zeitung vor sein Gesicht. Er schaut nur. Das ist Kunst, denke ich. Ein Mann, der einfach nur schaut. Ich versuche, herauszukriegen, wohin sein Blick schweift, aber er schweift nicht. Er schaut in ein Irgendwo, das mir verschlossen bleibt. Er tut nichts, er schaut nur.

Das beunruhigt mich, weil ich in der Öffentlichkeit immer irgendetwas tun muss. Ich brauche eine Zeitung oder mein Handy, um mich zu beschäftigen. Ich kann nicht einfach nichts tun. Der Mann kann das. Mitten auf der Kö. Ich bewundere ihn dafür. Er ist ein Stein im Meer der Wuselei. Um ihn herum tobt das Meer der beschäftigten Wichtigkeit, aber er ist einfach nur Fels. Er schaut. Ich frage mich, ob das eine besondere Form der Meditation ist. Ich möchte das auch gerne beherrschen, möchte mich herausnehmen können aus meiner Hektik, aus meinem ständigen Getriebensein. Ich muss noch das machen und das und das, danach ist Ruhe, sage ich oft zu meiner Frau, und dann bleiben am Schluss doch noch drei neue „Das“ übrig. Immer ist irgendwas.

Bei dem Mann ist nichts, er schaut nur. Vielleicht in eine andere Welt. Ich erinnere mich an den Film „Matrix“ und frage mich, ob er möglicherweise herausschaut aus dem Computerprogramm, in dem wir alle zu leben glauben, während wir in Wahrheit doch alle nur in einer Art Ursuppe vegetieren. Der Sommer kann auch das Gehirn vernebeln. Ich merke das, als meine Gedanken aus dem Wahn zurückkehren, geweckt von einem lauten Wummern. Ein Wummern? Ach was. Ein Grollen, eine akustische Götterdämmerung. Der schauende Mann nimmt es nicht zur Kenntnis, aber ich kann nicht anders, ich muss hinsehen.

Ich erblicke ein Auto. Nein, kein Auto, ein Kampfgefährt. Es wirkt wie eine Art Schlachtross, aufgepumpt mit Metall, und aus seinem Inneren pumpen Bässe, die klingen, als schlage der Teufel gerade sein tägliches Steak platt. Ich versuche, zu sehen, wer da drin sitzt. Aber die Scheiben sind verdunkelt. Im selben Moment löst sich der Stau vor dem fahrenden Monstrum auf, und auf einmal macht dieses Vehikel einen Satz, als wäre es ein Panther auf dem Sprung. Die Reifen quietschen, der Asphalt scheint zu dampfen.

Zehn Meter weiter endet der Sprung des Panthers. Irgendwer oder irgendwas ist im Weg. Nun erdröhnt ein Hupen. Was will das Ding damit sagen? Ich überlege kurz, dann fällt mir auf, dass Autos auch sprechen können. Nicht nur das Ding, das David Hasselhoff einst in Knightrider fuhr. Jedes Auto spricht. Man muss nur lernen, die Sprache zu beherrschen. Das ist gar nicht so schwer. Wummert ein Auto wie irre, sagt es, dass in ihm ein armer junger Mann sitzt, der leider keine Freundin gefunden hat und nun mit Masse zu kompensieren sucht, was ihm an Lebensqualität fehlt. Weiß man das erst einmal, bekommt man sehr rasch Mitleid. Dann klingt das Wummern wie ein tiefergelegtes Weinen, ein Flehen. Ach wie gerne hätte ich nur ein Fahrrad mit einer Liebsten vor mir auf der Stange. Wir führen dann laut lachend durch Wiesen mit hohem Gras, und wenn wir wollten, hielten wir an und würden uns küssen.

Aber der junge Mann hat nur ein Auto mit Wumms. Das Auto hupt grundlos, und auch das hat Bedeutung. Mit dem Hupen sagt das Auto: Schaut her, in mir sitzt ein Idiot, ein vom Leben Gebeutelter. Er kann nichts dafür, die Umstände haben ihn so gemacht. Aber er ist nun mal ein Idiot. Ich wische mir den Schweiß von der Stirn. Die Kö kann heiß werden. Wie in „Summer in the City“. Mein Hemd klebt am Rücken. Das Pflaster ist heißer als ein entzündeter Streichholzkopf. Das Auto mit dem Wumms ist weg. Der Mann, der schaut, ist noch da. Er schaut immer noch. Das Auto mit dem Wumms und dem Hupen kam in seiner Welt nicht vor. Ich bewundere ihn grenzenlos.

Irgendwann legt der Mann ein paar Münzen auf den Tisch, erhebt sich und schlendert davon. Nein, er schlendert nicht davon, er entschwebt. Er ist nicht von dieser Welt, von dieser Kö. Er trägt seine Welt in sich. Ihm kann egal sein, was um ihn herum passiert. Er ist das, was ich gerne wäre. Ruhig. Von hinten naht schon wieder ein Wummern. Der Teufel ist fertig mit seiner Runde und klopft nun ein neues Steak platt. Wieder hupt der Idiot. Ich möchte zu ihm gehen und ihm sagen, dass er aufhören kann, zu hupen. Alle hätten längst bemerkt, dass er ein Idiot ist.

Aber natürlich tue ich genau das nicht. Ich suche nach dem schauenden Mann. Er ist weg. Zurück bleibt ein Wuseln, bleiben Menschen, die sich aneinander vorbei drängen, ohne sich anzuschauen. Niemand hat Zeit. Ich auch nicht. Ich reiße mich zusammen und straffe meinen Schritt. Platz da. Ich habe zu tun. Dies ist meine Kö.