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Stadt-Teilchen: Ein Besuch im Niemandsland — mitten im Bilker Biotop

Stadt-Teilchen : Ein Besuch im Niemandsland — mitten im Bilker Biotop

Im Bereich Südring/Münchner Straße gibt es ein Stück (fast) unberührter Natur

Der Dschungel beginnt gleich vor der Tür. Nicht weit zumindest. Er liegt näher als man denkt. Warum in die Ferne schweifen, wenn das Exotische liegt so nah? Nun ja, weil es verboten ist. Sehr verboten sogar. Brandgefährlich. Nicht nachmachen, liebe Kinder.

Die Rede ist von einem weitgehend unberührten Stück Land, einer Insel, die mitten im Verkehrsstrom liegt. Manche nennen sie das Bilker Biotop, eine Brachfläche, die vom Südring in die Betonwanne der Münchner Straße hineinragt. Es ist ein erstaunlich riesiges Niemandsland. Klar abgesperrt mit starkem Zaun, und sollte mich jemand dienstlich befragen, werde ich stets behaupten, nie dagewesen zu sein, nur davon geträumt zu haben.

Ich war also nur im Traum da. Ich habe zwei Grünphasen abgewartet, und dann bin ich über den von rasenden Autos beherrschten Asphalt gerannt und hinter dem Ende des Zaunes abgetaucht. Rein ins Bilker Biotop. Hoch den Berg.

Ja, es ist beinahe gebirgig hier, wo man einst den Aushub der tiefergelegten Schnellstraße gesammelt hat. Anfangs war das nur Brachfläche, die keinen interessierte. Inzwischen ist sie vergessen. Fast vergessen.

Der erste Versuch, sich durchs Dickicht zu kämpfen, scheitert. Brombeerranken scheinen nach dem Eindringling zu greifen. Du kommst hier nicht weiter, wollen sie sagen. Trotzdem geht es irgendwie. Ein paar Äste beiseite geschoben. In einer Astgabel ist ein Korkenzieher versteckt. Kurios. Etwas weiter liegt eine Shampooflasche. Hier war vor mir schon mal jemand Unbefugtes. Noch etwas weiter stößt der Forscher in mir auf ein paar rot angesprühte Turnschuhe. Unheimlich. Daneben noch die Spraydose. Und dann ein Zelt. Mit einer Wäscheleine, auf der Socken hängen. Offenbar schon länger. Das verlassene RTL-Dschungelcamp? Oder was?

Hier hat tatsächlich mal jemand gehaust, das Dickicht aber wohl länger nicht mehr besucht. Für einen Moment fühle ich mich wie Robinson, der sich bereit macht, jeden Moment auf Freitag zu treffen. Oder auf Kannibalen? Kommt da wer? Raschelt da was? Nein, es kommt niemand. In der Luft liegt nur das Sirren der Reifen auf dem Asphalt rundherum.

Also raus aus dem Dschungel. Einmal rundherum auf die andere Seite. Dort öffnet sich eine riesige wilde Blumenwiese. Sanft aber eindringlich ansteigend zum Südring hin. Gelbe Blumen, rosa Blumen, saftig grünes Gras. Unwillkürlich führt der Weg den Berg hinauf. Das hat auch mit den fünf Bäumen zu tun, die auf dem Gipfel locken und dort eine Art hölzernes Stonehenge bilden. Sind es Linden? Egal. Oben angekommen eröffnet sich ein phantastischer Blick. Vier, fünf Stockwerke tiefer wälzt sich der Verkehr gen Innenstadt. Hier oben kann man sich fühlen wie ein kleiner König, der von den Bilker Alpen aus über sein Reich wacht.

Aber natürlich ist das Reich nur geliehen. Es waren auch schon andere da, hier im beinahe mystischen Kreis. Ein paar durchweichte Zigarettenschachteln und Aschereste zeugen davon, dass dieses Land bereits berührt wurde.

Wieder runter. Ein erneuter Versuch, in das Dickicht zu dringen. Diesmal von der anderen Seite. Erfolglos. Ein Elsternpaar krächzt den Fremden an. Hau ab, rufen sie. Das ist unser Land. Oh, Entschuldigung, möchte ich sagen. Ich wollte nur mal gucken. „Nur mal gucken. Das kann jeder sagen“, krächzt eine Elster zurück. Oder habe ich mir das nur eingebildet?

Ich komme an einer wilden Kirsche vorbei. Was einst knallrote Früchte waren, wirkt nun vergammelt, vergessen. Keiner hat hier Zeit für Kirschen. Stattdessen wird wieder eine Brombeerranke übergriffig, zerkratzt meinen Arm. Jetzt sehe ich aus, als hätte ich eine Katze daheim. Zusätzlich kribbelt es am Bein, das sich durchs kniehohe Gras schiebt. Gibt es hier Zecken?

Auf einmal ist mir unheimlich. Was, wenn hier doch jemand lebt? Hier im inoffiziellen Naturpark, im Biotop Bilk, am verbotenen Ort, wo ich eigentlich nicht sein sollte, wo ich ja Gottseidank auch nie war.

Ich beschleunige meine Schritte, blicke mich noch einmal um. Von oben nicken mir die Bäume der Bilker Stonehenge-Formation zu. Geh nur, sagen sie. Wir passen auf dich auf. Also wieder rüber zum Ausgang, dort, wo der Zaun sein Ende sucht und findet.

Zurück ist noch gefährlicher als hin. Das war eine ziemlich dumme Idee, denke ich, weil ich nicht sehen kann, ob jetzt gleich noch ein Auto um die Ecke gerast kommt. Keiner fährt hier langsam. Alle nehmen Anlauf für die Autobahn.

Mit einem kurzen, aber heftigen Sprint schaffe ich es doch noch ans rettende Ufer. Raus aus dem Dschungel, raus aus dem Abenteuer. Puh, das kann man niemandem empfehlen. Nicht einmal einem investigativen Forschungsjournalisten wie mir. Zu gefährlich. Drei Ausrufezeichen. Wie gut, dass ich das alles nur geträumt habe. Nur geträumt. Niemandsland mitten in Bilk - wer erzählt denn so nen Quatsch?