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Stadt-Teilchen: Düsseldorfer sollen miteinander reden...

Stadt-Teilchen : Düsseldorfer sollen miteinander reden...

...dabei möchte viel lieber zu den anonymen Sprechverweigerern gehören und schweigen.

Wir reden zu wenig. Sagt meine Frau. Sie meint damit ausnahmsweise mal nicht mich, sondern die Menschen auf der Straße. Wie wortlos die aneinander vorbei eilen, das stört meine Liebste. Sie sagt, diese Menschen seien einsam und zwar zusammen einsam. Sie sollten reden. Miteinander. Sagt meine Frau. Ich bin leider komplett anderer Meinung. Ich bin sogar der Auffassung, dass viel zu viel geredet wird.

Neulich saß ich allein und meinen Gedanken nachhängend in der 706, und eine Frau drehte sich zu mir um. Sie erzählte mir ungefragt vier Haltestellen lang von ihrem Hund, den sie am Vortag hatte einschläfern lassen müssen. Das sei sehr traurig gewesen, sagte sie. Ja, das sei sehr traurig, entgegnete ich, ein wenig Empathie heuchelnd. In Wahrheit interessierte mich ihr Schicksal herzlich wenig. Nicht dass ich Schicksalen generell desinteressiert begegne. Es ist nur so, dass es einer gewissen Vertrautheit bedarf, bevor ich mein Ventil für den Einlass von Schicksal öffne. Und von sterbenden Hunden will ich ungefragt nichts hören, in der Straßenbahn schon gar nicht. Am Graf-Adolf-Platz gelang mir die Flucht. Ich hinterließ der armen Frau noch den Rat, sie solle tapfer bleiben. Ich bin ja kein Unmensch, aber innerlich schüttelte ich mich, und es dauerte eine ganze Weile, bis ich diese unerwartete Sprechattacke verdaut hatte.

Ich erzählte das meiner Frau, um ihr abschreckend zu demonstrieren, wohin es führt, wenn wildfremde Menschen ins Gespräch kommen. Es störte sie kein bisschen. Sie hatte inzwischen von einer Aktion gehört, bei der sich sprechwillige Menschen Plaketten anstecken, auf denen „Sprich mit mir“ steht. Diese plakettierten Menschen kann man dann jederzeit anquatschen. Einfach so. Das findet meine Frau toll. Ich sagte meiner Liebsten, dass ich die Idee durchaus okay fände, wenn es denn für Typen wie mich auch Plaketten gäbe, auf denen „Wage es bloß nicht“ stünde. Das war natürlich ein Scherz, denn in Wahrheit will ich nicht einmal kundtun müssen, dass ich mit niemandem reden will. Ich will es einfach so nicht wollen. Unerkannt. Anonym. Ich möchte zu den anonymen Sprechverweigerern gehören. Ich lebe schließlich in einer Großstadt wie Düsseldorf, weil ich gerne ein zurückgezogenes Leben führe. Ein Leben, das nur mich was angeht. Ich zucke schon zusammen, wenn Nachbarn wissen wollen, ob bei mir alles in Ordnung sei. Ich sage dann immer „alles bestens“, meine in Wahrheit aber, dass mein Gegenüber besser nicht über meinen jeweiligen Gemütszustand informiert sein möchte. Es gibt da so Tage.

Meine Frau lässt sich wie üblich von solchen Einwänden nicht schrecken. Sie will jetzt in Düsseldorf die „Sprich mit mir“-Bewegung gründen und entsprechende Plaketten drucken lassen. Düsseldorfer sollen miteinander reden. Wo immer sie gehen und stehen, sollen sie miteinander reden. Über was sie reden, ist meiner Frau egal. Sie sagt, dass das Reden im Rheinland immer einen Sinn hat, unabhängig vom Inhalt.

Ich weiß, dass sie diese Weisheit von Jürgen Becker geklaut hat, aber ich sage ihr das nicht, weil sie in ihrem überbordenden Enthusiasmus so zuckersüß wirkt. Sie kann sich noch echt begeistern. Ich nicht so. Es kann also passieren, dass sie demnächst einer übereuphorisierten Frau begegnen, die einen Anstecker mit der Aufschrift „Sprich mit mir“ trägt. Tun Sie ihr bitte den Gefallen und reden Sie, auch wenn es Ihnen schwerfällt, freundlich mit ihr. Sonst bleibt am Ende wieder alles an mir hängen.