Spioniert CDU OB in der Kirche nach?

Spioniert CDU OB in der Kirche nach?

Fraktion recherchierte, ob Geisel wirklich beim Bibel-Marathon war und was er las. OB nennt das „sehr befremdlich“.

Dass das Klima im Rathaus ziemlich vergiftet ist, zeigt — nur zum Beispiel — das endlose Gezerre um die Mehrkosten des Tour-de-France-Starts. Jetzt geht eine Geschichte hoch, die ein bizarres Licht speziell auf die schlechten Beziehungen zwischen OB Thomas Geisel und der CDU-Fraktion wirft. Und dabei geht es, kaum zu glauben, um eine Bibellesung des Oberbürgermeisters am Erntedanktag in der Unterbilker Friedenskirche.

Foto: S. Lepke

Das Ganze begann mit einer kurzen Meldung in der WZ. Darin wurde angekündigt, dass Geisel am 1. Oktober um 18.30 Uhr für eine halbe Stunde aus dem 1. Buch Mose (Genesis) liest, namentlich die Geschichten von Abrahams — am Ende von Gott gerade noch erlassenen — Opferung seines Sohnes Isaak sowie die der Brautwerbung Isaaks um Rebekka.

Ein Mitarbeiter der CDU-Ratsfraktion ging der Sache nach. Er fragte bei der Pressestelle der evangelischen Kirche nach dem „Bibel-Marathon“ an, ob Geisel tatsächlich in der Friedenskirche gewesen sei und ob er dort besagte alttestamentarischen Texte vorgetragen habe. Bei der Stadtkirche stutzte man und fragte zurück, warum die CDU so etwas wissen wolle. Die wiederum bat daraufhin bei der Friedenskirche selbst um Auskunft, ob und was Geisel rezitiert habe. Das war der Gemeinde nun so suspekt, dass sie ihrerseits dem Kirchenbeauftragten in Geisels Büro von den CDU-Recherchen berichtete. Und sich gleich nochmals bedankte, dass Geisel ja wirklich da war und aus Genesis 22 und 24 gelesen hat.

Ungeklärt ist also nur noch eine Frage: Warum bohrt die CDU bei so etwas nach? Fraktionschef Rüdiger Gutt wiegelt gegenüber der WZ ab: „Ja, wir beobachten die öffentlichen Auftritte des OBs, das ist ganz normale Fraktionsarbeit, da steckt kein böser Plan hinter.“ Geisel wolle hier aus einer Mücke einen Elefanten machen, „dabei müsste er sich um viel wichtigere Dinge für die Stadt kümmern, etwa das Riesenloch im Etat“. Geisel ließ nur mitteilen, er finde das Agieren der CDU sehr befremdlich und könne nicht sehen, welchen Erkenntnisgewinn sich die Partei aus solchen Recherchen erhoffe. Er bat gestern Mittag den CDU-Mitarbeiter zwecks Aufklärung in sein Büro, der wurde dann von Gutt begleitet, der sich solche Einbestellungen verbat. Ansonsten war das Gespräch nach fünf Minuten vorüber: Warum die CDU was bei wem nachfrage, ginge Geisel nichts an, soll Gutt nur gesagt haben.

Insider vermuten, dass die CDU Geisel beim Schwänzen von Terminen erwischen will. Motto: Der OB mimt den Tausendsassa und kündigt überall sein Erscheinen an, kommt dann aber gar nicht immer.

Es kann aber auch sein, dass Oppositionsführer Gutt bloß noch eine Pointe für seine Etatrede im Dezember sucht. Da machen sich Bibelzitate ja vielleicht nicht schlecht. Es müssten sich freilich geeignetere Stellen als die Isaak-Geschichten finden lassen . . .

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