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Sonnenuntergang am KIT: Der perfekte Düsseldorfer Moment

Sonnenuntergang am KIT: Der perfekte Düsseldorfer Moment

Von einem Sonnenuntergang am KIT, der das Gefühl vermittelt, dass es keinen besseren Ort auf der Welt als diesen gibt.

Düsseldorf. Frag’ mich, was Lebensfreude ist! Komm, frag’ mich! Wenn du fragst, weiß ich, dass ich mehr weiß als du, und dann kann ich dir verraten, wo der goldene Pott am Ende des Regenbogens versteckt ist. Dann erzähl’ ich dir von einem eigentlich stinknormalen Dienstag im Juni. In Düsseldorf.

Du hast gearbeitet, vielleicht sogar geschuftet, aber alles hat am Ende gut geklappt. So gut, dass es dich rauszieht, während andere Fußball gucken. Frag’ mich, wo du dann hinsollst an diesem stinknormalen Dienstagabend im Juni! Komm, frag’ mich! Ich sag es dir. Ich beschreib’ dir dann den Sog, mit dem die Sonne im Rheinbogen unterhalb des Landtags alle Blicke auf sich zieht, weil sie nach acht ihr Licht in Cinemascope verschleudert, das Wasser blitzeblau färbt, die elegant geschwungene Rheinfront verschwenderisch in Gold taucht, die Weite der großen Welt in ein paar kurze Düsseldorfer Momente packt.

Geräusche treiben dich unter der Kniebrücke durch. Vor dem KIT am Mannesmannufer fordert jemand „Say Love“. Ja, Liebe ist ein gutes Gefühl für einen solchen Abend. Und Leichtigkeit wird hier kostenlos mitgeliefert. Alles scheint zu schweben, als die Sonne sich langsam senkt und dem Himmel eine Apfelsinentönung verpasst. Tatsächlich sagen die Menschen „Love“, und sie strahlen aus, was sie sagen. Gibt es einen besseren Ort für einen perfekten Sonnenuntergang als vor dem KIT? Lausch’ der Band, die sich funky gibt, und auch du wirst dich funky fühlen. Obwohl funky vielleicht nicht das originäre Gefühl eines typischen weißen Düsseldorfers im mittleren bis späten Alter ist. Funky ist es, wenn du unwillkürlich einknickst beim perfekt nachgezogenen Beat, der immer einen Hauch später kommt als erwartet. Das Unerwartete macht dich locker. Gib dich hin! Es ist so einfach an solch einem stinknormalen Dienstagabend im Juni.

Bei der Band, die da umsonst und draußen vor dem KIT groovt, stimmt alles, der Groove, der Sound, die Getränke, mit denen du deinem Gefühl einen zusätzlichen Push gibst. Ja, I feel funky. Say Love. Yeah. Gibt es einen besseren Ort, frage ich nochmal.

Ja, gibt es. Vielleicht. Sogar sehr wahrscheinlich. Möglicherweise herrscht just in diesem Moment die gleiche Magie auch an der Rheinterrasse oder in Kaiserswerth oder in Himmelgeist, halt überall, wo die Sonne den Film vorgibt, in dem du gerade der Hauptdarsteller bist und deine große Szene hast. Aber im Moment bist du hier vor dem KIT, und es fühlt sich so verdammt gut an, hier zu sein an diesem stinknormalen Dienstagabend im Juni.

Anfangs sind die Menschen vor dem KIT noch schüchtern. Sie sagen sehr leise „Love“. Aber je länger die Band spielt, desto lockerer werden alle. Love wird lauter, Love dauert länger. LOOOOVE. Irgendwann spielt die Band „Proud Mary“, das Lied, in dem es um dicke Schaufelraddampfer auf dem Mississippi geht. „Rollin’ on a River“, heißt die zugehörige Zeile im Refrain, und auf einmal ist der Rhein der Mississippi. Zwei Lastkähne schaufeln sich jetzt gerade ihren Weg frei Richtung Nordsee. Sie haben in Wahrheit natürlich keine Schaufelräder, aber wen interessieren Details in solch einem Moment?

Und alle sagen „Yeah“, als die formidable Sängerin darum bittet. Jetzt hat es auch der Letzte erkannt, jetzt hält es keinen mehr zurück. Jetzt wissen alle, dass dies in diesem Moment der beste Ort ist, an dem es sich jetzt zu sein lohnt, the place to be in funky Düsseldorf.

Von oben scheint nun ein unverschämter Mond, der voller kaum sein könnte. Grinst er etwa? Macht er sich lustig über die bleichen Großstadtmenschen, die sich hier zu tiefschwarzen Klängen wiegen und ab und an einknicken? Nein, der Mond lächelt weise und freundlich. Wie könnte man nicht lächeln an diesem stinknormalen Dienstagabend im Juni?

Als die Band am KIT fertig ist, zieht es dich zurück an den Landtag. Das letzte bisschen Widerschein der längst untergegangenen Sonne färbt nun die Wasser des Rheinbogens glutrot. Unter einem Baum sitzt ein Pärchen mit Gitarre. Er spielt ihr einen Bob-Marley-Song vor. „No Woman no cry“. Weine nicht, Frau, singt er. Und sie weint nicht. Sie himmelt ihn an, und sie sieht sehr glücklich aus.