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„Solange ich lebe, kämpfe ich“

„Solange ich lebe, kämpfe ich“

Bei einer falsch durchgeführten Untersuchung zur Vorsorge soll der Hautkrebs eines Düsseldorfers nicht erkannt worden sein.

Düsseldorf. Jürgen Friedrich sitzt mit seiner Frau in der gemütlich eingerichteten Wohnung in Mörsenbroich. Das Hochzeitsbild hängt über dem Sofa und zeigt einen sehr glücklichen und kräftigen Mann. Das war früher. „Ich bin kaputt“, sagt Friedrich heute mit heiserer Stimme. Er ist abgemagert, sein Gesicht ist eingefallen, über den Hals ziehen sich lange Narben. Friedrich wirkt wesentlich älter als auf dem Foto.

Das bisherige Leben von Friedrich ist weder gradlinig noch glücklich verlaufen. „Ich habe die Karriereleiter eines Alkoholikers komplett durch“, sagt der Düsseldorfer. Schon mit 13 Jahren fängt der heute 52-Jährige an zu trinken. Er beginnt eine Metzgerlehre, kommt in Kontakt mit den falschen Freunden und rutscht ab in den Alkoholismus.

Die Probleme verschärfen sich nach seiner Bundeswehrzeit: Friedrich wird straffällig und verbringt drei Jahre im Gefängnis. 70 Entzüge und drei Langzeittherapien macht der Düsseldorfer innerhalb seiner 30-jährigen Trinkerkarriere. Immer ohne Erfolg.

2006 kommt der Wendepunkt im Leben des Jürgen Friedrich. Er lernt seine jetzige Ehefrau kennen. Für sie schafft er ein Jahr später, woran er selbst schon nicht mehr geglaubt hat: Nachdem ihn seine Frau vor die Wahl Abstinenz oder Trennung gestellt hat, schwört er dem Alkohol ab. Ein Glücksfall.

Zwei Jahre später geht Friedrich zur Hautkrebsvorsorge — eine Routineuntersuchung — in eine Praxis nach Düsseltal. Seine Lebensgefährtin hat ihm den Arzt empfohlen, sie hat dieselbe Untersuchung schon hinter sich und war mit der Praxis zufrieden. Statt des Praxisinhabers untersucht Friedrich — der nicht weiß, wie so eine Untersuchung durchgeführt wird — eine Assistenzärztin oberflächlich mit der Lupe.

Fotos, die sonst am Computer genauer ausgewertet werden können, macht die Ärztin nicht, auch dem Hinweis von Friedrich auf eine Lippenflechte geht die Ärztin nicht nach. Nach der kurzen Untersuchung fragt Friedrich die Ärztin: „Das war die ganze Vorsorge?“ „Ja, das war alles“, so die Antwort nach Friedrichs Version.

Er macht sich über die Untersuchung keine weiteren Gedanken und hört auch nichts mehr von der Praxis. Das Glück scheint auf seiner Seite zu sein, im Juli 2009 heiratet er seine Lebensgefährten. Keine zwei Wochen später geht er in eine Rehaklinik zur Behandlung seines Asthmaleidens.

Gerade scheint das Leben geregelten Bahnen zu verlaufen, da bekommt er in der Reha eine schockierende Diagnose: Er hat ein Plattenepitelkarzinom, bösartigen Hautkrebs im Hals- und Kieferbereich. „Wenn der Tumor nur ein paar Monate eher erkannt worden wäre“, schießt es Friedrich durch den Kopf. Er wird das erste Mal operiert und ist danach beschwerdefrei.

Die Untersuchung ein Jahr zuvor lässt im keine Ruhe. Seine Frau ist entsetzt, als sie erfährt, wie die Untersuchung durchgeführt wurde. Sie fragt in der Praxis nach: „Wo sind die Bilder von der Untersuchung?“ Der Praxisinhaber wird nach Angaben von Friedrichs Frau blass und sagt: „Schon wieder diese Frau Doktor M.“ Für Friedrich ein Schuldeingeständnis.

Die nächsten 18 Monate versucht er, die Unterlagen aus der Praxis zu bekommen, ist aber wenig erfolgreich: Eine Krankenakte gibt es angeblich nicht. Später wird der Praxisinhaber behaupten, dass Friedrich niemals sein Patient war, auch hat er die Untersuchung nicht bei der Krankenkasse abgerechnet. Dabei habe der Inhaber die Vorsorge selber angeordnet und eigenhändig in den Computer eingegeben.

Während Friedrich versucht Auskunft zu bekommen, ist er beschwerdefrei, noch im Oktober 2010 sagt er voller Überzeugung: „Mir geht es bombastisch.“ Trotz seiner Krankheit gibt er sich nicht auf, kocht ohne Bezahlung für die Arbeiterwohlfahrt und lässt sich als Ehrenamtlicher für den Suchtnotruf der Diakonie ausbilden.

Doch im Januar 2011 kommt der nächste gesundheitliche Rückschlag: Der Krebs ist wieder da und hat gestreut. Chemotherapie, Bestrahlungen und Operationen folgen. Nach der letzten OP ist nichts mehr wie vorher: „Ich bin wachgeworden und hatte kein Kinn mehr.“

In einer elfstündigen OP ist ihm der Kieferknochen entfernt worden. Trotz seiner gesundheitlich schlechten Situation — die Ärzte räumen Chancen von 20 bis 70 Prozent ein, dass er in fünf Jahren noch lebt — lässt sich Friedrich nicht hängen: „Solange ich lebe, werde ich weiterkämpfen.“

Seit Mai klagt er gegen den Arzt, will für den Kunstfehler 40.000 Euro Schmerzensgeld und eine Rente: „Ich habe im Leben Fehler gemacht und in der Haft dafür geradegestanden, dass verlange ich auch von dem Arzt.“ Auf Nachfrage der WZ will sich der Praxisinhaber nicht zu dem Fall äußern.

Zurzeit kämpft sich Friedrich ins Leben zurück. Er arbeitet wieder für den Suchtnotruf und hat gerade eine erneute Reha abgeschlossen. „Ich muss Kraft sammeln für die nächsten Operationen im Oktober.“ Kraft möchte Friedrich aber auch anderen geben: „Ich möchte Betroffenen Mut machen, dass es sich lohnt, sich zu wehren.“