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So läuft die Inventur in einem Düsseldorfer Samen-Laden ab

Jahreswechsel : Inventur in einem Düsseldorfer Traditions-Geschäft: Samen-Zählerei bei Böhmann

Noch darf das Traditionsgeschäft Böhmann eine gänzlich undigitale Inventur durchführen. Ein Besuch.

Am Ende jedes Jahres steht für den Handel die Inventur im Kalender. Während viele Geschäftsleute inzwischen auf die digitale Erfassung setzen, wird in der Samenhandlung Böhmann in der Altstadt noch klassisch von Hand gezählt und in ein Inventurbuch eingetragen. „Es gibt drei Grundregeln für die Inventur: zählen, wiegen, schätzen“, zählt Brigitte Ilbertz auf. Sie hat das kleine Traditionsgeschäft im Herzen der Altstadt von ihrem Vater Theo Böhmann übernommen, der es 1938 gegründet hat.

In dem schmalen Ladenlokal findet sich so ziemlich alles, was des Hobby-Gärtners Herz begehrt, der vor allem das Besondere bei Samen, Blumenzwiebeln und Zubehör sucht oder Althergebrachtes, wie Sicheln, Sensen und Reisigbesen. Wer kauft solche Dinge heute noch? „Menschen, die sie noch schätzen oder sich wieder auf die ursprüngliche Gartenarbeit besinnen“, meint Brigitte Ilbertz.

„Wir haben auch noch Gerätschaften der Firma Polar, die es längst nicht mehr gibt“. Die Düsseldorferin hält eine Schuffel in der Hand, ein rechteckiger Eisenschaber mit Holzstiel. „Damit kann man wunderbar das Unkraut von Gehwegplatten entfernen“, erklärt die Expertin. Zubehör wie dieses wird gezählt und ins Inventurbuch eingetragen. Darin wird die Bezeichnung des jeweiligen Artikels erfasst, dessen Menge und Einzel- bzw. Kilopreis. „Wenn wir alles aufgeschrieben haben, wird gerechnet.“

Noch darf das kleine Geschäft seine Inventur analog machen

Gab es denn keine Beschwerden vom Finanzamt, dass man bei Samen Böhmann noch ein handgeschriebenes Inventurbuch führt? „Bislang noch nicht. Wir müssen die Bücher der letzten zehn Jahre immer aufbewahren und bei Prüfungen vorlegen können. Wenn es aber einmal soweit kommt, dass wir auf Digital umstellen müssen, bin ich raus“, stellt Brigitte Ilbertz klar. Dann wird ihre Tochter Sabine Ilbertz, Venetia in der Session 2018/2019, das Familienunternehmen, zu dem auch ein Gartencenter in Wittlaer gehört, übernehmen. Dort kaufen die Profigärtner ein.

„Als mein Vater vor über 80 Jahren anfing, gab es noch fünf große Samenhändler in Düsseldorf“, erinnert sie sich. Damals konnte man das Geschäft an der Marktstraße direkt anfahren, um dort Säcke mit Dünger, Erde und Samen einzukaufen. „Heute werden ja selbst die privaten Gärten immer kleiner“, bedauert Brigitte Ilbertz. Entsprechend hat sie über die Jahre das Sortiment an die veränderten Kundenansprüche in dem schmalen Lädchen angepasst. Nun findet man in den Regalen Tütchen mit Samen und Blumenzwiebeln für kleine Beete und die Anzucht in Töpfen auf Balkon oder Terrasse. Darunter durchaus auch Exoten wie Topfbaumwolle, Zierreis, Kaffeestrauch, Erdnussbaum, Kalebassen oder sogar Bonsai-Bäumchen. Tulpenfans haben die Qual der Wahl zwischen Sorten, die so vielsagende Namen wie „Tête-a-Tête“, „Ferrari“ oder „Mistress“ tragen. Auch diese Tütchen und Zwiebeln werden Stück für Stück gezählt und ins Inventarbuch eingetragen.

Große Mengen, wie das bei vielen Kunden beliebte selbst hergestellte Vogelfutter, dessen Rezeptur Brigitte Ilbertz geheim hält, werden gewogen. „Wir haben jetzt zum Winter viele Bestellungen von Stammkunden, die damit Wildvögel versorgen“, verrät Mitarbeiterin Susanne Labowy, während sie auf einer der alten Waagen die Samenmischung Scheffelweise für eine Order abwiegt. Denn die Inventur bei Samen Böhmann muss während des laufenden Betriebes stattfinden. „Wir brauchen dafür ein bis zwei Wochen“, bilanziert Brigitte Ilbertz. Wird denn auch noch geschätzt? „Heute eher nicht mehr. Früher hat man das beispielsweise bei Bambusstäben so gehalten“, erinnert sie sich. Wenn diese in einem dicken Bund angeliefert wurden, nahm man zehn Stäbe, wog diese und schätzte dann ungefähr das Gewicht des gesamten Bundes.

Dass Brigitte Ilbertz einmal die Samenhandlung vom Vater übernehmen würde, war ihr immer klar. „Ich habe schon als Kind im Laden mitgeholfen. Konnte es kaum erwarten, aus der Schule zu kommen, den Ranzen in die Ecke zu werfen und die Kunden zu bedienen“. Man merkt ihr die Leidenschaft an. Die Wohnung über dem Geschäft hat sie früher mit ihrem Mann Josef Ilbertz bewohnt. Später soll ihre Tochter Sabine dort einziehen. „Die Marktstraße war früher eine reine Geschäftsstraße, wie die gesamte Altstadt voller Einzelhändler war. Davon ist heute nicht mehr viel übrig“, resümiert sie. Viele Traditionsgeschäfte haben aufgegeben, weil die Kunden wegblieben oder die Nachfolger fehlten.

Von den einst fünf Samenhändlern in der Stadt, ist nur ihr Geschäft geblieben. Kunden kommen oft von weit her, um dort einzukaufen. Allerdings haben auch Touristen einen nicht geringen Anteil am Umsatz. „Die kaufen hier vor allem Samen und Zwiebeln ein, die es bei ihnen nicht gibt, aber auch Vogelhäuschen und Zubehör“, erklärt Susanne Labowy. Sie ist eine von zwei Mitarbeiterinnen, die Brigitte Ilbertz unterstützen. Auch da hat sich vieles verändert mit den Jahren. „Wir hatten früher neben vier festen Angestellten auch vier Auszubildende“, schaut Brigitte Ilbertz zurück auf eine Zeit, in der es nicht die Ausnahme, sondern die Regel war, dass man das Sortiment noch von Hand zählte und ins Inventurbuch eintrug.

Im Durchgang zwischen Theke und hinterem Bereich hat es sich Karl bequem gemacht. Der zehnjährige schwarze Riesenschnauzer ist die Attraktion im Laden. „Es gibt Kunden, die kommen extra wegen Karl“, verrät Susanne Labowy. „Ich hatte immer Hunde. Warum soll ich sie zu Hause lassen, wenn ich doch den ganzen Tag im Laden bin“, meint Brigitte Ilbertz ganz pragmatisch. So ist Karl immer dabei und hat längst seine Fangemeinde, die auf ein „Hallo“ hereinschaut.

Hinter der Theke steht eine alte Mohnmühle. Wobei „alt“ sei hier relativ, erklärt Brigitte Ilbertz, denn sie hätte noch eine ältere, die mit Walzen betrieben werde, die es aber leider nicht mehr einzeln gäbe. Während sie das erzählt, zeigt sie kleinste Gewichte, die vorher dazu dienten, Samen auf das Milligramm genau abzuwiegen.

An diesem Nachmittag sind viele Touristen im Laden und unterbrechen die beiden Frauen immer wieder bei ihrer Zählerei. Gut für sie, wenn diese Kunden sich für etwas entscheiden, das noch nicht aufgeschrieben wurde, sonst müssen die Eintragungen im Inventurbuch wieder entsprechend angepasst werden.