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Schlechte Zeiten für Plattenläden

Schlechte Zeiten für Plattenläden

Ende des Monats macht mit Flipside in der Altstadt der nächste Vinylhändler dicht.

Düsseldorf. Es gab Zeiten, da lief es richtig rund. „Anfang der 2000er Jahre gab es einen Boom. Platten waren auf einmal ganz hip, jeder war plötzlich DJ. Wir brauchten uns über nichts Gedanken zu machen“, erinnert sich Herbert Boese. Der 39-Jährige betreibt gemeinsam mit Carsten Dämbkes den Plattenladen Flipside in der Altstadt. Doch 2012 ist von der Vinyl-Euphorie der Jahrtausendwende nicht mehr viel übrig. Ende des Monats ist nach fast 14 Jahren Schluss mit Flipside.

Der kleine Laden in einer Passage der Wallstraße, der sich auf Elektro und Hip Hop spezialisiert hat, ist nicht der erste seiner Art, der aufgibt. In vielen Städten sterben die Plattenläden, gegen das Internet oder die großen Elektronikmärkte haben sie keine Chance mehr. Sounds Good in der Bolkerstraße und Voices Record in der Mertensgasse sind bereits seit langem zu. Nur noch wenige können sich halten. Allen voran Hitsville, das Urgestein der Düsseldorfer Plattenläden. Aber der habe auch ein anderes, eher rockiges Publikum und mehr Laufkundschaft, weiß Boese.

Flipside hingegen lebte nie von Gelegenheitskunden. Der Laden war immer etwas für Liebhaber, DJs und Experten auf der Suche nach Geheimtipps. Rein, kaufen, raus — das gab es dort nie. Boese und Dämbkes sind mit vielen ihrer Stammkunden, die teilweise extra aus Frankfurt kommen, befreundet. Oft bleiben sie über Stunden, debattieren über Musik und hören in die Scheiben rein. Nicht umsonst stehen dort gleich vier Plattenspieler.

„Wir kennen unsere Kunden und sind mit ihnen älter geworden. Es kommt selten vor, dass wir etwas empfehlen, was ihnen nicht gefällt“, sagt Boese, der genau darin aber auch ein Problem sieht. Denn während sich immer mehr ältere Kunden aus Bequemlichkeit ins Internet verabschiedeten oder zumindest seltener vorbeikämen, fehle die nachrückende Generation. Die höre zwar immer noch genauso viel Musik wie frühere Generationen, „sie ist aber durch das Internet und die Digitalisierung der Musik anders sozialisiert“. Viele wüssten die Wertigkeit guter Musik und den vollen Klang einer Platte nicht mehr zu schätzen. „Denen reicht der dünne Sound einer heruntergeladenen MP 3.“

Einen weiteren Grund für das Ende von Flipside sieht Boese in der sterbenden Clubkultur der Stadt. „Ein Plattenladen vor Ort funktioniert nur mit einer lebendigen Clubszene.“ Doch die löst sich gerade nahezu auf. Neben denen im Hafen, die schon aufgegeben haben oder es bald werden, ist nun auch der Monkey’s Club auf der Kö dicht. „Stattdessen macht in der Altstadt ein Ballermann-Schuppen nach dem anderen auf. Wenn ich am Wochenende den Laden abschließe, habe ich Mühe, nicht von einem grölenden Junggesellenabschied über den Haufen gerannt zu werden“, sagt Boese.

Natürlich hätte es trotzdem weiter gehen können. Vergleichbare Läden in anderen Städten hätten das Sortiment erweitert und verkaufen nun auch massentauglichere Musik. Boese möchte das nicht. „Ich kann Platten nicht verkaufen wie Socken. Musik ist für mich zu emotional.“