Schauspielhaus: Ein Liederabend als wildes Karussell der Geschlechter

Schauspielhaus: Ein Liederabend als wildes Karussell der Geschlechter

Boys mit Haaren auf muskulöser Brust in glitzernden Frauenkleidern, Girls in strammen Gamaschen und mit Schnauzbart. Wer hat die Hosen an? Bei dem Liederabend „Boys don’t cry and girls just want to have fun“ ist das nicht eindeutig zu sagen.

Die schräge Collage aus Songs, Liedern und Schlagern aus vier Jahrzehnten von André Kaczmarczyk wurde zum Saisonende im Central lautstark gefeiert. Sie stellt manche heiße Fragen zum Thema Transgender und „männlich - weiblich“, lässt aber vieles offen. Urkomisch, schrill, kämpferisch oder romantisch verklärt und ernst.

Kaum zu glauben, aber zum Ende einer der erfolgreichsten Spielzeiten der Schauspielhaus-Geschichte setzt André Kaczmarczyk, der umjubelte Valentine aus David Bowies Rockmusical „Lazarus“, noch einen drauf. Er, der in manchen Wochen an sieben Abenden in sieben verschiedenen Rollen auftrat, stellte die Revue zusammen, setzte sie in Szene und kredenzt mit Pianist Matts Johan Leenders einen letzten Knüller, der sich in der kommenden Spielzeit zu einem weiteren Kultabend mausern könnte.

Denn das Allround-Genie im Dauereinsatz Kaczmarczyk tritt nicht nur selbst als dämonische Diva auf High Heels und mit Federboa auf, schnurrt oder haucht Berliner Songs der 1920er Jahre, imitiert Claire Waldorf oder Ute Lemper, sucht die Nähe zum Hermaphroditen. Neben ihm erweisen sich ebenso die handverlesenen Ensemble-Kollegen Stefan Gorski und Sebastian Tessenow und drei Frauen (Lou Strenger, Hannah Werth und Genet Zegay) als Showtalente. Alle sind Typen. Ob in Hosen, knallengen Corsagen oder mit hohen Hacken: Sie singen, schnulzen, säuseln, mimen stilecht und routiniert Mannfrauen oder Frauenmänner. Da stolziert der schöne Stefan Gorski in knallenger Pinkseide und trällert „Das bisschen Haushalt“. Tessenow in Anzug und hohen Absätzen schluchzt Rockballaden. Fliegender Wechsel von Klamotten, Rollen und Liedern. Satire, Parodie, sentimentaler Kitsch. In zwei pausenlosen Stunden, die wie im Flug vergehen, rütteln und schütteln sie die Zuschauer im Geschlechter-Karussell nach allen Regeln der Kleinkunst durch. Grotesk, kabarettistisch überspitzt, provokativ. Zu Madonnas „Like a Virgin“ oder „Mein Hund ist schwul“ von den Prinzen. Dann tönt es „Sex is fun“ oder „Sex ist überschätzt“. Wenn es allzu arg wird, greift Dramaturg Frederik Tidén ein. Als blond gelockte Dragqueen auf Plateau-Sohlen philosophiert er in arrogant nasalem Norddeutsch über die Frage der Fragen, plaudert aus dem Nähkästchen seiner Pubertät und nimmt kein Blatt vor den Mund.

Fazit: eine satirisch überspitzte, engagierte Nummernrevue gegen Homophobie, für Transgender-Toleranz und voller Fantasie.

Nächste Termine: 4., 5. und 25. Oktober.