S8: Behinderte bleiben zurück

S8: Behinderte bleiben zurück

Zwischen Bahnsteig und Zug tut sich seit Sonntag eine 20 Zentimeter hohe Stufe auf.

Düsseldorf. Bisher war die Welt für Rollstuhlfahrerin Christiane Andrée zumindest halbwegs in Ordnung. Mit Bus und Bahn war sie dank barrierefreier Fahrzeuge bisher mobil, nicht zwingend auf fremde Hilfe angewiesen. Doch seit Sonntag ist es zumindest auf der S-Bahnlinie 8 zwischen Hagen und Mönchengladbach mit der Barrierefreiheit vorbei.

Denn seit Sonntag, pünktlich zum Fahrplanwechsel, werden dort von der Deutschen Bahn neue Züge eingesetzt. Diese haben im Vergleich zu den bisher eingesetzten Fahrzeugen eine Toilette. Und die ist sogar behindertengengerecht. Wie Christiane Andrée die allerdings nutzen soll, weiß sie nicht — denn im WZ-Test am S-Bahnhof Flingern kam sie erst gar nicht in den Zug rein.

Der Zug hält, die Türen öffnen sich — und zwischen Bahnsteig und Bahn befinden sich gute 20 Zentimeter Höhenunterschied. Neben der mittleren Tür befindet sich ein kleiner blauer Druckknopf, extra für Rollstuhlfahrer vorgesehenen. Wer darauf drückt, sieht ein Blinken, hört einen Piepton — weiter geschieht nichts. „So wie es beschrieben wurde, sollte geschultes Fachpersonal im Zug mitfahren, das Rollstuhlfahrern wie mir beim Einsteigen hilft“, sagt Andrée, denn über dieses Szenario wurde die Sprecherin des Arbeitskreises Bus und Bahn der Behinderten in Düsseldorf bereits informiert. Doch darauf wartete sie am Sonntag vergeblich. Die Türen schlossen wieder, der Zug fuhr weiter. Und Christiane Andrée blieb alleine am Bahnsteig zurück.

Zweiter Versuch, 30 Minuten später. Wieder fährt der Zug in den Bahnhof ein, wieder öffnen sich die Türen, wieder drückt Andrée auf den Knopf. Der Lokführer streckt seinen Kopf aus dem Fenster, erst nach einer Aufforderung des WZ-Reporters reagiert er, kommt nach einiger Zeit zu ihr an die Tür. „Ich weiß gar nicht, wo hier die Rampe ist“, sagt er, wirkt überfordert, weiß nicht weiter. „Ich habe keine Ahnung, keiner hat mir gesagt, wie die Technik funktioniert.“ Er schaut sich einmal um, entdeckt ein kleines Schloss an der Wand, versucht mit einem Schlüssel, irgendeine verborgene Rampe auszufahren — vergebens. „Es tut mir leid, aber ich kann ihnen nicht helfen“ sind seine letzten Worte, dann geht er weg, der Zug fährt weiter.

„Das ist doch unmöglich“, sagt Christiane Andrée, ist wütend, enttäuscht. Sie habe jedoch schon geahnt, dass es eben doch kein Fachpersonal in den Zügen gibt. Mit der S8 wird sie nun nicht mehr fahren können, das steht nach dem gestrigen Tag fest.

„Zum Glück kann ich alternativ die Straßenbahn benutzen, da gibt es keine Probleme“, sagt sie. Zum Glück sei es bisher auch nur eine S-Bahnlinie, auf der die neuen Züge eingesetzt werden. Doch Andrée fürchtet, dass das nicht so bleibt, fürchtet, dass auch auf anderen Linien in Düsseldorf die alten Züge ersetzt werden könnten. „Dann kämen arge Probleme auf mich zu“, sagt sie.

Von der Bahn gab es am Sonntag keine Stellungnahme.