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Pop-up-Radweg in Düsseldorf: Bleibt experimentierfreudig

Debatte : Bleibt experimentierfreudig!

Meinung Unser Autor kritisiert die Heftigkeit, in der der Pop-up-Radweg attackiert wird, und fürchtet um Ideen für die Stadt.

Es geht in diesem Text nicht um Baken, Markierungen, Quer- oder Längsparkplätze. Und es geht trotzdem um den temporären Radweg am Rheinufer.

Die Betrachtung beginnt etwas weiter südlich. Auf der Corneliusstraße habe ich am Dienstag einen Mann beobachtet, der auf einem Hollandrad und in der rechten Fahrspur Richtung Uni unterwegs war. Obwohl er sich augenscheinlich in ordentlicher körperlicher Verfassung befand, war er zum ehrenamtlichen Stauführer geworden, der gleichermaßen sich und andere quälte. Diese Szene hat noch einmal deutlich gemacht, dass wir in Düsseldorf dringend mehr Radwege brauchen und dass wir an einigen Stellen auch geschützte Radwege brauchen, die dafür sorgen, dass Auto- und Radfahrer klar von einander getrennt sind.

Für weitere Betrachtung wechseln wir kurz in eine andere Stadt, die hier nicht namentlich genannt werden muss. Diese Stadt ist mir aus meiner journalistischen Arbeit wohl vertraut und ich habe während meiner Zeit dort festgestellt, dass es in der Politik der Stadt so gut wie keine Ideen gibt, die in die öffentliche Diskussion eingebracht werden. Jahrelange Streitigkeiten zwischen den politischen Akteuren sowie reflexartige Attacken auf alles, was Vorschlag heißt, und eine ebenso reflexhafte Berichterstattung über die Attacken hatten eine Konsequenz: Niemand hatte mehr Lust, seine Ideen öffentlich vorzutragen. Wer noch welche hat, versucht sie so lange wie möglich im Verborgenen voranzubringen, damit die Mitmenschen frühestens in der Praxis davon erfahren.

Bevor wir mit der Betrachtung die Cecilienallee erreichen, noch ein letzter Ausflug: zum Staufenplatz. Dort haben Stadt und Rheinbahn vor gut vier Jahren ein Stück einer Fahrspur abschraffiert, weil Autos dort nicht mehr fahren sollten und der Abschnitt für die Straßenbahnen reserviert wurde. Kritiker befürchteten, dass die Staus dort nun noch länger würden. Am anderen Ende des Versuchs war die Rheinbahn so viel schneller, dass sie endlich pünktlich und sogar noch weniger Züge einsetzen musste, um dieselben Aufgaben zu erfüllen. Die Staus wurden mindestens nicht schlimmer. Dieser Verkehrsversuch führte dazu, dass die Stadt weitere Testes dieser Art in Flingern und Lierenfeld unternahm und zu ähnlichen Fortschritten gelangte.

Alle drei Orte, die Corneliusstraße, die ungenannte Stadt, der Staufenplatz, sie alle sind gute Gründe sich die Debatte um den temporären Radweg noch einmal in Ruhe anzugucken. Die Debatte, nicht den Radweg. Ich will an dieser Stelle gar nicht sagen, dass er gut ist, ich möchte nur sagen, dass wir anders damit umgehen sollten, wenn er nicht gut ist. Die ersten Radler hatten die Strecke kaum hinter sich gelassen, da waren auf Facebook schon von ortsansässigen Politikern mit ausgeprägtem Faible fürs Detail zu lesen, warum der Radweg eine „Vollkatastrophe“ sei. Zwischenzeitlich haben Menschen, die im öffentlichen Leben standen oder stehen, bei der Suche nach treffenden Vokabeln bereits bei dem Wort „Rotz“ angenommen, sie seien angemessen fündig geworden. Und mittlerweile haben Kollegen anderer Zeitung seitenweise auf den Weg eingedroschen.

Es geht bei Experimenten natürlich darum, herauszufinden und zu benennen, was nicht funktioniert und daraus zu lernen. Aber das Experiment muss möglich bleiben. Stellen wir uns kurz vor, wir wären ein Mitarbeiter im Amt für Verkehrsmanagement mit einer Idee, wie man mögliche Fortschritte für den Verkehr in Düsseldorf erzielen könnte. Können wir uns auch noch vorstellen, dass dieser Mitarbeiter angesichts der Heftigkeit der Debatte noch Lust hat, jemandem von seiner Idee zu erzählen?

Es war an einer Stelle die Formulierung zu lesen, der Radweg sei ein Fall für den Bund der Steuerzahler. Er ist meines Erachtens das genaue Gegenteil. Wir sollten sehr froh sein, in einer Stadt zu leben, die es sich leisten kann, Versuche für mögliche Fortschritte zu starten, um aus der Praxis zu lernen. Die Idee, die Bereitschaft zum Test, die Offenheit für das Ergebnis – das ist meines Erachtens eine schöne Eigenschaft unserer Gegend. Lasst uns deshalb rheinisch sein und experimentierfreudig bleiben.