Pianistin Yuja Wang spielte in der Düsseldorfer Tonhalle

Konzert : Yuja Wang in Düsseldorf: Eine virtuose Pianistin wie ein Blitzschlag

Yuja Wang gastierte in der Tonhalle. Und zeigte, dass sie weit mehr als atemberaubendes Tempo kann.

Mitternachtsblaue, wehende Seide für Ravel, Schulterfreier Goldglitzer für Schostakowitsch. Und so hohe Hacken, dass die grazile Chinesin aus New York vorsichtig zum Steinway balancieren muss. Die junge Frau überrascht Klavierfreunde immer wieder – nicht nur mit neuer modischer Extravaganz. So außergewöhnlich strahlend wie diese weltweit gefeierte Pianistin auf dem Podium erscheint, so spielt sie auch. Die 32-Jährige, in Peking geboren, kam mal kurz vorbei in der voll besetzten Tonhalle, brachte ihr Publikum mit gleich zwei Klavierkonzerten zum Rasen. Und flog wieder davon. Wie ein Blitz.

Begleitet wurde sie vom Orchestre Philharmonique du Luxembourg – einem soliden Klangkörper unter dem spanischen Dirigenten Gustavo Gimeno, der allerdings mit Wangs Dynamik nicht immer Schritt halten konnte und im Schatten der zierlichen Virtuosin blieb. In einigen Tutti-Passagen versäumte es Gimeno, das Volumen zu drosseln und überdeckte so den Klavierpart. Im Rahmenprogramm für Wangs Doppelauftritt führten die Luxemburger mit Tschaikowskys „Der Strum“, eine Fantasie (nach Shakespeare) und Ravels Suite aus „Daphnis und Chloe“ in eher ruhige Gewässer. Vom Sound her rund und wohlig, aber wenig zündend.

Manchmal scheint es, als müssten da mehr Hände im Spiel sein

Zurück zu Yuja Wang. Es ist nicht nur ihr aberwitziges Tempo, das die Zuhörer in Bann zieht. Und, wie jetzt wieder, Fans aus ganz Deutschland zu ihrem Konzert anreisen lässt. Ihr Spiel macht in einigen Passagen glauben, dass da mehr als nur zwei Hände im Spiel sein müssen. Phänomenal ist neben Raffinement und Musikalität die Leichtigkeit, mit der sie die Hände hüpfen, gleiten, für einen Bruchteil einer Sekunde die Tasten berühren lässt. Besonders in Schostakowitschs zweitem Klavierkonzert faszinieren die leuchtenden, funkelnden Töne, die so schnell wie Klangblitze vergehen. Nach einem Konzert mit Yuja Wang ist es wie nach einem Feuerwerk: Man möchte die schönsten Klangbilder in Erinnerung behalten.

Zunächst Ravels D-Dur-Konzert für die linke Hand. Hier parkte Yuja Wang die rechte Hand auf dem Klavierhocker. Das Opus entstand im Auftrag von Paul Wittgenstein, der im Krieg seinen rechten Arm verloren hatte. Das 18-Minuten-Stück mit vier Sätzen paart hohe spieltechnische Anforderungen mit einer breitgefächerten Palette an Emotionen. Und die Achterbahnfahrten spielt Wang souverän in allen Schattierungen aus. Verträumte, meditative Passagen, dann wieder die kraftvolles Zupacken. Doch klingen selbst die kraftbetonten, rasanten Akkordketten niemals grob und grell. Ein dosiertes, niemals drauflos hämmerndes Forte.

Ihr differenzierter Anschlag kommt besonders im F-Dur-Konzert von Schostakowitsch zur Geltung. Eine an klassische Tradition angelehnte Komposition, die sich nicht mit dem symphonischen Spätwerk des Russen vergleichen lässt. In den schnellen Sätzen springen die Akkorde hin und her, schneiden Fratzen, funkeln vor Heiterkeit und Ironie. Hier driftet sie ins Groteske ab, hat sichtlich und hörbar Freude daran. In dem wehmütig vor sich hin schwelgenden Andante gibt ihr sanfter Anschlag Raum frei für tiefe Gefühle. Auch das wirkt bei ihr natürlich, so dass fast jeder denkt: Nur so kann man dieses Opus spielen. Ovationen belohnt sie mit zwei Zugaben.

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