Pianist Fazil Say trat in der Düsseldorfer Tonhalle auf

Konzert : Fazil Say in der Tonhalle: Harter Anschlag und rasendes Tempo

Der türkische Pianist trat mit dem Casal-Quartett in der Tonhalle auf – und schoss bisweilen über das Ziel hinaus.

Fazil Say – der Eigenwillige. Er zeigt gerne Emotionen, liebt‘s laut und leidenschaftlich, haut gerne in die Tasten. Und geht bei Beethoven oder Schumann mit Tempo, Dynamik und Lautstärke so freizügig um wie nur wenige. In seiner Heimat, der Türkei, ist der 49-jährige Pianist ein Star. Wird als weltweiter Musik-Botschafter verehrt. Klar, dass seine Konzerte nicht nur in Ankara vorher ausverkauft sind. Auch in Düsseldorf hat er nicht nur in der türkischen Community eine Fan-Gemeinde. Man kennt ihn, auch weil er – bevor es den Exzentriker und Komponisten nach Berlin zog – an der Schumann-Hochschule studiert hatte. Wenn auch nicht ausverkauft, so war Mittwoch beim Konzert mit Say und dem gediegenen Schweizer Casal-Streichquartett die Tonhalle sehr gut besucht.

Einst Erdogan-Kritiker, hat Say nun eine Kehrtwende vollzogen

Denn Say hatte in den letzten Monaten für Schlagzeilen in der großen Politik gesorgt. Populär war er bislang in der Erdogan-kritischen Society, die von den säkularen Reformen des Staatsgründers Kemal Atatürk geprägt ist. Auch Say gehörte diesen weltoffenen Kreisen an, hatte sich 2013 gar über frömmelnde Anatolier lustig gemacht. Im Januar: die Kehrtwende. In einer spektakulären Geste versöhnte sich der Star-Pianist mit dem umstrittenen Präsidenten. Er lud Recep Tayyip Erdogan zu einer Uraufführung in Ankara ein. Der kam. Später verbeugte sich Say mit gefalteten Händen vor dem Präsidenten, der auf der Bühne erschien. Auch in der folgenden Einladung in den Erdogan-Palast sahen Regime-Kritiker und einstige Say-Freunde Verrat. Wen wundert’s, dass auch Tonhallen-Besucher in der Pause über diese Kehrtwende im Januar diskutierten und rätselten. Zumal es von Say dazu bis heute keinen Kommentar gab.

Musikalisch? Ein Abend typisch Say. In Beethovens „Appassionata“-Sonate (kurzfristig gegen die „Pastorale“ eingetauscht) hämmert er drauflos, knallt in die Pedale, stampft laut mit dem Fuß auf. Das irritiert. Schön ist anders. Zwischendurch aber bietet er samtige Triller. Doch im zweiten Satz noch mehr rustikale Kraft, so, dass der Steinway klirrt. Trotz der Allegro-Satzbezeichnung „non troppo“ (nicht zu schnell) jagt er durchs Finale, setzt rohe, schroffe Akzente.

In seiner Eigenkomposition „Das verschobene Haus“, einer Hommage an Atatürk für Klavier und Quartett, fiept und zirpt es dann, dann plötzlich klopfende Violinen-Bögen. Tonmalerei, ein Hauch Minimal- und jazzige Filmmusik bietet das Stück, das Dialoge zwischen Streichern und Klavier raffiniert montiert. Vermutlich würde er es nicht in Erdogans Anwesenheit spielen. Egal.

Das Casal-Quartett sieht’s locker, klingt verführerisch edel und durchsichtig schön und sorgt für die elegante Note an diesem Abend. Brillant sind die Vier in Haydns G-Dur-Quartett. Und brillieren, dann wieder mit Say, in Schumanns Es-Dur-Klavierquintett. Hier zähmen sie den gerne ausbrechenden Pianisten und entlocken ihm in einigen Passagen zauberhafte Poesie und eine balancierte Anschlagkultur. Sieh‘ da: Hier glänzt Fazil Say als feinnerviger Kammermusiker. Jubel, Bravorufe.

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