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Offenbarungen am Telefon und unterschätzte Spielplatzfreuden

Woche 10: So läuft es im Home-Office mit Kindern in Zeiten von Corona : Offenbarungen am Telefon und unterschätzte Spielplatzfreuden

Das Home-Office mit Kindern in Zeiten des Coronavirus ist kein Selbstläufer. Das braucht einen ausgefeilten Plan. Auch in Woche 10.

Es ist ein ungeschriebenes Gesetz, dass gut gemeinte Ratschläge von Kindern immer zu hinterfragen sind. Wenn also das Kind mit beschwichtigenden Gesten aus dem Badezimmer kommt und eindringlich davon abrät, dieses Zimmer zu betreten oder auch nur hineinzusehen, dann wissen wir doch alle, was zu tun ist, oder? Ein ähnliches Bauchgefühl hatte ich, als sich die Sechsjährige vergangene Woche mit dem Handy am Ohr ins Nebenzimmer verkroch und die Tür hinter sich schloss. Die Tochter, die sonst nicht von meiner Seite weicht. Der Anruf hatte sie im Vorfeld nicht sonderlich interessiert. Nicht mal richtig aufgesehen hatte sie, als ich ankündigte, dass ihre Erzieherinnen jedes Kind persönlich anrufen werden. Ich war fest davon ausgegangen, dass sie es macht wie so oft und ihre Pressesprecherin zur Linken, die eine Minute ältere, aber gefühlt zwei Jahre reifere Schwester, das regeln lässt. Nun aber riss sie mir den Hörer aus der Hand und verzog sich wie ein peinlich berührter Teenager aus dem Zimmer.

Nein, ich lauschte nicht. Wirklich nur ein bisschen. Den Rest erzählten mir die Erzieherinnen danach ganz freiwillig. Und da durchfuhr es mich regelrecht. Ich kann mich nicht mehr an den genauen Wortlaut erinnern. Also weder an den, den ich mir zufällig im Flur stehend durch die viel zu dicke Holztür zusammenreimte, noch an den der Erzieherinnen. Schlimm, ätzend, schrecklich – ich weiß nicht mehr, was meine Tochter genau darüber gesagt hatte, wie sie es zu Hause findet. Fest steht aber, dass die Erzieherinnen das wohl erste Mal in der gesamten Kita-Karriere das Kind motivieren mussten, noch ein bisschen zu Hause auszuharren, bevor es dann endlich wieder in die Kita gehen darf. Und obwohl mir die Schwierigkeiten bewusst sind, den Kindern zu Hause nun in der zehnten Woche gerecht zu werden, kränkt es mich ein bisschen. Oder auch sehr. Hat sie vielleicht noch mehr gesagt? Dass ich ständig an ihr herummeckere, genervt bin? Dass ich gar nicht mehr lieb bin? Dass sie sich unverstanden fühlt?

Das Telefonat war ein Weckruf, endlich mal wieder meinen Fokus zu verlagern. Es ging zuletzt so viel um mich, um uns Eltern. Wir haben die Doppelbelastung, wir können das Gekeife der Mädchen, das Gejammer des jüngeren Bruders nicht mehr hören. Wir haben das schlechte Gewissen, wenn wir die Kinder vor den Fernseher setzen, damit die Feststelltaste auf der Tastatur mal eine Pause bekommt (liebstes und gleichzeitig nervigstes Spiel meines Sohnes). Natürlich wusste ich, dass auch die Kinder einen Lagerkoller haben, unausgelastet sind und sich untereinander auf den Wecker fallen. Vor allem an jener Tochter festzustellen, die am Telefon ihren Frust äußerte: Der Umgangston wurde in den vergangenen Wochen rauer, die Lautstärke nahm deutlich zu. Das Lächeln der Schwester an der falschen Stelle reichte manchmal, um ein ganzes Abendessen zu sprengen, mein Blick aufs Handy, um eine hysterisch geführte Generaldebatte über die Nutzung von Medien in diesem Haushalt und die vermeintlich ignorierten Kinderrechte auszulösen.

Ich gebe dennoch zu, dass ich die Lage unterschätzt habe. Weil ich die Perspektive des mittleren, ohnehin schon immer auf Widerstand gepolten Kindes aus den Augen verlor. Nicht nur wegen des Home-Office und des pausenlosen Kindertrubels, sondern auch, weil zwei der drei Kinder deutlich besser oder zumindest anders mit der Situation umgehen. Nehmen wir nur mal besagte Pressesprecherin, die sich an manchen Tagen stundenlang allein in ihr Zimmer zurückzieht und im angeregten Austausch mit ihrem Kuscheltier komplett im Spiel verliert, dabei den jüngeren Bruder miteinbezieht, auf Fernsehen bestens verzichten kann, sich das Lesen selbst beigebracht hat und die Schwester immer wieder bei Tisch an die Sache mit dem Ellbogen erinnert. Ganz ehrlich: Hätte ich damals so eine Schwester, noch dazu eine Zwillingsschwester, gehabt, ich hätte ihr den Ellbogen mehrmals am Tag in die Rippen gejagt.

Im Vergleich dazu hat die Widerstandskämpferin der Familie es natürlich schwer. Denn so sehr ich es auch vermeiden will, am Ende eines anstrengenden Tages mit einem noch anstrengenderem Ausklang kommen auch über meine Lippen Sätze, die ich schon bei meinen eigenen Eltern gehasst habe: „Warum kannst du dich denn nicht mal allein beschäftigen? Wenn ich doch früher so viele, tolle Spielsachen gehabt hätte...“ Die Steigerung ist wirklich nur noch: Früher war alles besser.

Eine Kolumne von Ines Arnold. Foto: Melanie Zanin/M.ZANIN

Die Worte meiner Tochter haben mich aufgerüttelt. Ich gab mir einen Tritt. Und so ließ ich auch von meinem Vorsatz ab, trotz der Spielplatzöffnung weiterhin nur mit den Kindern in den Wald zu gehen. Wir brauchten mal ein Highlight. Und wieder stellte ich fest: Ich habe etwas völlig unterschätzt, in diesem Fall die Wirkung eines Spielplatzes auf Kinder.

Eine Woche nach der Wiederöffnung, donnerstags gegen 17.30 Uhr, entschied ich, meinen Vorsatz über Bord zu werfen und zum nächstgelegenen Spielplatz zu radeln. Eine absolute Verzweiflungstat. Die sich in dem Moment ausgezahlt hatte, als alle drei Kinder nahezu ekstatisch über diesen popeligen, hügeligen Platz mit dem angegammelten Klettergerüst jagten. Richtig ansteckend war das. Auch mir tat es gut, mal wieder komplett in diese Kinderwelt abzutauchen.

Vor ein paar Tagen erreichte mich die Mail, dass die Mädchen ab dem 28. Mai wieder in die Kita gehen dürfen. Das wird ihnen gut tun. Uns. Der kleine Bruder jedoch wird sich zu Hause gewiss langweilen. Es sei denn, er weiß die vielen, tollen Spielsachen der Mädchen zu schätzen. Ich hoffe sehr, dass ich nächste Woche nicht denke, dass früher alles besser war.

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