NS-Zeit: „Ich konnte nie wirklich Kind sein“

NS-Zeit: „Ich konnte nie wirklich Kind sein“

Ein Besuch bei Edith Bader-Devries im jüdischen Seniorenheim in Düsseldorf.

Düsseldorf. Eine Puppe liegt auf der bunten Bettdecke. Eine andere sitzt etwas schief auf dem Stuhl und lächelt. Edith Bader-Devries sitzt daneben am Tisch und schlägt einen großen Ordner auf. Sie zeigt ein gemaltes Bild: Ein Mädchen umklammert eine Puppe. Im Hintergrund ist das Konzentrationslager Theresienstadt zu sehen.

„Jetzt rede ich für die Verstummten“, sagt die 79-Jährige. Foto: dpa

Zweieinhalb Jahre war die Jüdin dort als kleines Mädchen gefangen. „Die ganze Zeit hatte ich keine Puppe. Ich habe sehr darunter gelitten“, erzählt sie. Das ist lange her und doch unvergessen. Morgen jährt sich die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, des größten NS-Vernichtungslagers, zum 70. Mal.

Heute hat die 79-Jährige ein kleines Zimmer im Düsseldorfer Nelly-Sachs-Haus, einem von neun jüdischen Elternheimen in Deutschland. Es nennt sich Elternheim, weil es im jüdischen Glauben zwei Säulen gibt: Die Kinder und die Eltern, erklärt Heimleiter Bert Römgens.

110 Menschen führen in dem Haus ein traditionell jüdisches Leben. Über die Vergangenheit und ihre Erlebnisse während der Nazi-Zeit möchten viele nicht sprechen. Auch Bader-Devries fehlten 30 Jahre lang die Worte dafür. „Jetzt rede ich für die Verstummten“, sagt sie. „Ich konnte nie wirklich Kind sein“, erzählt die alte Dame und zeigt ein Bild von ihr als kleinem Mädchen. Die Kindheit wird ihr 1942 mit ihrer Deportation genommen. Mit anderen Erwachsenen wohnte sie eingezwängt in einer Baracke. „Außen waren die Betten, in der Mitte lagen die Toten.“

Sie blättert weiter in ihrem Ordner, schaut Kinderporträts an. Es sind jüdische Kinder aus der ehemaligen Nachbarschaft oder der Schule. Nach dem Krieg sind sie nicht nach Hause gekommen. Dann holt Edith Bader-Devries ihren gelben Davidstern aus einer Klarsichthülle. Sie hält ihn an die Brust. All die Jahre hat das Symbol der Ausgrenzung überlebt.

Im Elternheim ist die 79-Jährige noch nicht lang. Sie fühlt sich wohl, macht gern Yoga und autogenes Training. Die Menschen hier haben alle den Antisemitismus erlebt, viele waren in einem Konzentrationslager. „Das Trauma bleibt“, sagt Heimleiter Römgens.

Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 steht ein Polizeiwagen vor der Tür. Nach dem Anschlag auf das Satire-Magazin „Charlie Hebdo“ in Paris wurde der Polizeischutz für das Seniorenheim verstärkt. Doch vor den Schlagzeilen kann auch die Polizei nicht schützen. Die großen Anti-Israel Demonstrationen vergangenen Sommer, Pegida, der Terror: „Die Angst war schon spürbar“, sagt Römgens.

Der 70. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung ist hier kein großer Tag. „Wir wissen, wem gedacht werden muss“, sagt Römgens. „Wichtig ist, dass es außerhalb jüdischer Institutionen nicht vergessen wird.“

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