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NS-Arrestzellen auf dem Dachboden

NS-Arrestzellen auf dem Dachboden

Der Dachboden des Regierungsgebäudes steht im Zeichen der NS-Vergangenheit der Düsseldorfer Behörde am Rhein. Die WZ schaute sich im Rahmen der Serie "Über den Dächern" dort um.

Düsseldorf. Die 115 Meter lange Hauptfassade des Gebäudes der Bezirksregierung an der Cecilienallee fällt auf, ist nicht zu übersehen, besticht mit ihrem historisch anmutenden Charme. Sie wirkt wie ein Schloss und wurde bei Bezug im Jahr 1911 auch tatsächlich als „Schloss am Rhein“ bezeichnet. Über 100 Jahre ist der Bau nun alt, wer nach oben fahren will, nimmt den Paternoster. Das Holz knarrt und ächzt unter dem Gewicht all jener, die sich in eine der Kabinen begeben, oben angekommen empfangen einen lange und breite Flure, lange Gänge, mit Schmuckelementen verzierte Türen und Wände.

Udo Leimssner läuft einen dieser Gänge entlang, trägt eine neongelbe Jacke, gibt sich als Hausmeister des Gebäudes zu erkennen. Seit 1999 ist er im Bau an der Cecilienallee tätig, hat zu jeder Tür im Haus einen Schlüssel, weiß, was sich dahinter verbirgt. Bis in die höchste Etage geht es, bis auf den Dachboden über dem großen Veranstaltungssaal.

Über den Dächern der Stadt (7)

Es verlaufen silbern schimmernde Lüftungsrohre unter der Decke, es riecht etwas muffig, der Boden ist aus Holzpaneelen gezimmert. Glaswolle schaut hier und da aus den Wänden. Nur spärlich ist der Raum beleuchtet, leer ist er, groß und weit. In der Mitte befindet sich eine Metalltreppe, Leimssner geht sie hoch, stützt sich auf das dünne Geländer am Rand der Treppe.

Es wird eng, er muss sich ducken, um sich den Kopf nicht an den Metallstangen zu stoßen, die über der Treppe verlaufen. Es sind viele Stufen die er hinaufgehen muss, bis er an eine kleine Luke stößt, sie öffnet. Er streckt seinen Kopf ins Licht, steht nun auf einer Plattform — auf dem Boden des Pavillons auf dem Dach des Baus, dem höchsten Punkt des Regierungsgebäudes, unter den Klauen des Adlers. Denn der steht einsam dort oben, blickt über die Stadt, starr, grün und alt.

Groß ist der Platz unter dem Adler nicht, vier Quadratmeter, wenn es hochkommt. Trotzdem ist es Udo Leimssners Lieblingsplatz, hier hat er seinen geheimen Beobachtungspunkt gefunden, hier kann er verweilen, seinen Blick über die Stadt schweifen lassen. An Silvester ist er mit 100-prozentiger Sicherheit hier anzutreffen, auch an anderen Tagen ist er hier oben. „Beim Open-Air-Kino kann ich von hier oben Kino schauen“, sagt er, denn direkt gegenüber des Gebäudes wird dann die Leinwand aufgebaut. „Ich habe hier oben schon manchen guten Film gesehen — für Lau“, sagt er, lächelt schelmisch.

In der Mitte der Plattform geht ein Seil senkrecht nach oben, führt zu einer kleinen Glocke, die unter dem Dach des Pavillons angebracht ist. Zu jeder vollen Stunde läutet sie die Uhrzeit, zu jeder halben ein Mal. „Damit keiner den Feierabend verpennt“, sagt der Hausmeister.

Leimssner geht wieder hinunter, schließt die Luke ins Freie hinter sich. Er durchquert erneut den Dachboden, der übrigens noch nicht immer existiert hat — denn als der Veranstaltungssaal gebaut wurde, wurde der ursprünglich viel größere Dachboden einfach in der Mitte geteilt, eine neue Bodenplatte eingebaut.

Vier Aufgänge gibt es zum Boden über dem Gebäude, am anderen Ende des Flurs geht es zum nächsten. Es sieht ähnlich auf hier oben wie auf dem unter den Klauen des Adlers — bis auf ein kleines Detail. Ein kleines, nahezu unscheinbares Detail, das von der braunen Vergangenheit des Regierungsgebäudes zeugt, an schmerzhafte Stunden auf dem Dachboden erinnert.

Unter der Dachschräge sind zwei Zellen eingebaut, aus einfachen Brettern, davor eine schwere Stahltüre auf der einen Seite, eine mittlerweile fast verfaulte Holztüre vor der anderen Zelle.

„Hier haben die Nazis einst Häftlinge eingesperrt“, sagt Leimssner. Denn das Gebäude war einst eine regelrechte Festung der Nationalsozialisten, die Geheime Staatspolizei (Gestapo) hatte hier ihren zweitgrößten Hauptsitz nach dem in Berlin. Dunkel ist es in der Zelle wenn man die Türe schließt, stickig, muffig und vor allem eng.

Und noch weitere Zeugnisse der Vergangenheit finden sich hier oben, so etwa die vielen kleinen weißen Türmchen aus Backsteinen, die aus dem Boden sprießen, im Raum unter dem Dach enden. Als einst noch mit Kohle im Gebäude geheizt wurde, gab es auf den Etagen und Fluren verteilt viele Kamine, der Rauch wurde durch die kleinen weißen Schornsteine abgeleitet. Noch heute sind die Reste unter dem Dach sichtbar, eine Funktion haben sie aber nicht mehr.

Sehr wohl noch in Betrieb ist hingegen eine große Kurbel, die sich auf einem anderen Speicher befindet. Sie ist aus massivem Stahl, auf ihrer Spule befindet sich ein dickes Stahlseil. Etwas weiter hinten im Raum ist eine zunächst etwas seltsam anmutende Konstruktion zu sehen, eine Beule im Beton des Bodens, viel Holz wie ein Geländer um sie herum, viele dicke und dünne Seile, die durch kleine Löcher durch den Beton des Bodens gehen, nach unten führen.

Die Oberseite des großen und prachtvollen Kronleuchters in der Eingangshalle des Regierungsgebäudes stellt die Beule dar, mit Hilfe der Spule kann der Leuchter nach unten gelassen werden — um zum Beispiel die Lampen zu wechseln. Oft käme das nicht vor, sagt Leimssner, vielleicht ein Mal im Jahr. „Dennoch ist es höchst praktisch“, sagt der Hausmeister.