Notfalls einfach mal zuschlagen

Notfalls einfach mal zuschlagen

Die Attacken auf Mitarbeiter häufen sich auch bei der Stadt. Deshalb gibt es jetzt Kurse zur Selbstverteidigung — und eine Schutzmontur.

Nicht verrohte oder abgestumpfte Menschen sind oft nicht in der Lage, einen anderen Menschen zu schlagen. Hart. Ins Gesicht. Auf die Brust oder in den Magen. „Wenn es keine andere Möglichkeit mehr gibt, sollte man im Notfall kompromisslos zuschlagen oder zutreten“, sagt Karl-Heinz Bergers. Er leitet die Jiu-Jitsu-Selbstverteidigungssparte der Betriebssportgemeinschaft der Stadtverwaltung und bringt immer mehr Mitarbeitern in Kursen bei, was zu tun ist, wenn eine Situation aus dem Ruder läuft und ein Bürger übergriffig wird. Die körperliche Selbstverteidigung ist freilich in den Kursen nur der letzte Schritt, zunächst geht es immer um Deeskalation, um das richtige Verhalten und Vorgehen in einem Konflikt.

Und die gibt es in vielen Ämtern, betroffen sind bei weitem nicht nur die Mitarbeiter des Ordnungs- und Servicedienstes (OSD). Klassiker sind Ausrastende, die im Einwohnermeldeamt oder der Kfz-Zulassungsstelle drei Stunden gewartet haben und dann unverrichteter Dinge nach Hause gehen sollen, weil sie dies oder jenes Formular vergessen haben. „Natürlich schulen wir auch unser Personal, in solchen Situationen möglichst bürgerfreundlich und sensibel zu agieren“, sagt Karsten Tückmantel, Referent von Personaldezernent Andreas Meyer-Falcke. Er selbst hat Attacken auf Kollegen im Amt miterlebt, hat gezittert vor Aufregung und Angst, obwohl er selbst nicht direkt betroffen war. Natürlich hat auch die Stadt bereits Alarmsysteme an Büroarbeitsplätzen installiert, setzt man auf Team- statt Einzelarbeit in gefährdeten Abteilungen. Denn die Aggressionen nehmen zu, wie berichtet auch und gerade gegenüber Rettungskräften bei der Feuerwehr oder Notdiensten. Und immer öfter werden sogar Polizisten tätlich angegriffen.

Zurück zum Jiu Jitsu — auch wenn die japanischen Wörter ja eigentlich „Die sanfte /nachgebende Kunst bedeuten“. Damit die Kollegen bei der Stadt einen Ernstfall wirklich testen und auch mal richtig zuschlagen können ohne Angst vor Verlusten, hat Meyer-Falcke der Belegschaft einen „Vollkontakt-Schutzanzug“ spendiert. Die schwarze Montur mit viel hartem Schaumstoff und Plastik-Gesichtsschutz sorgt dafür, dass das „Opfer“ im Training einstecken kann, ohne zu leiden. Bergers erzählt, dass in bisherigen Frauen-Selbstverteidigungskursen schon mal Blut floss, wenn auch unbeabsichtigt. Natürlich soll kein Stadt-Bediensteter einen Angreifer regelrecht verdreschen, sagt der Trainer: „Es geht oft darum, sich mit einem Schlag zu befreien, aus der Gefahrenzone zu fliehen.“

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