Nathan to go: Toleranz als universelles Thema

Nathan to go: Toleranz als universelles Thema

Robert Lehniger inszeniert sein Stück nach Lessings Vorlage in einer Kirche, einer Synagoge und einer Mehrzweckhalle.

Gott liebt alle Menschen gleichermaßen. Juden, Christen, und Muslime. Unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit, da alle drei Religionen sein Werk und alle Menschen seine Kinder seien. Diese in der berühmten ‚Ringparabel’ versteckte Botschaft ist das Zentrum von „Nathan der Weise“, vermittelt durch die Titelfigur, den „reichen Juden aus Jerusalem“.

In dem Ideendrama (1783 in Berlin uraufgeführt) stimmt Gotthold Ephraim Lessing das Hohelied von Toleranz und Vergebung an. Wenn auch seine Familie ausgelöscht wurde, so vergibt Nathan denen, die ihm das Schlimmste angetan haben. Darum geht es auch in der mobilen Inszenierung des Schauspielhauses „Nathan to go“ von Robert Lehniger, die am 13. Januar Premiere feiern wird. Nicht im Provisorium Central, sondern in der Heerdter Bunker-Kirche, dort, wo die koptische Christengemeinde (ägyptische Christen) eine Heimat gefunden hat.

Das Außergewöhnliche aber: Es folgen zwei weitere Premieren. Am 16. Januar im Leo-Baeck-Saal der Jüdischen Gemeinde in Golzheim und eine Woche später im Eventcenter in Benrath — in Kooperation mit der bosnischen Moscheegemeinde (IKC) und dem Kreis der Düsseldorfer Muslime (KDDM). Warum in Benrath? Evensen: „Die meisten Räume der 33 Düsseldorfer Moschee-Gemeinden verfügen nur über kleine Räumlichkeiten.“ Daher fiel die Wahl auf das Center, in dem zahlreiche Muslime ihre Familienfeiern organisieren. Wichtig sei: Alle drei Premieren sind keine geschlossenen Veranstaltungen, sondern offen auch für alle Interessenten. In der Synagoge ist es aus Sicherheitsgründen üblich, den Personalausweis vorzuzeigen.

Die drei Orte, besonders die Kirche und die Synagoge, die sonst weniger mit darstellender Kunst zu tun haben, sind, ganz im lessingschen Sinne, programmatisch für diese mobile Inszenierung, so Beret Evensen. Die Dramaturgin, die mit Regisseur Lehniger bereits „Faust (to go)“ herausbrachte (sie war mittlerweile an 15 Orten zu sehen), berichtet, dass sie sich im Vorfeld mit den Vertretern der drei Religions-Gemeinschaften getroffen habe. Und bei allen auf Zustimmung und Begeisterung gestoßen sei.

Zumal oberstes Ziel dieses Formats sei, auch bislang eher theaterfernes Publikum zu erreichen. So kürzten sie und Lehniger Lessings ausladenden Fünfakter auf etwa zwei Stunden. Und reichern das Bühnendrama, wie meist in Lehnigers Inszenierungen, mit vorproduziertem und live gedrehtem Video-Material an. Um Sprachbarrieren zu überwinden, läuft das Stück in Heerdt und Benrath mit arabischen Übertiteln. Das dürfte ebenfalls eine Premiere für das Schauspielhaus sein.

„Besonders für Zuschauer, die den ‚Nathan’ noch nicht gelesen haben, sind die Videosequenzen vielleicht hilfreich“, sagt Lehniger. Um den Kraftaufwand Nathans ermessen zu können, müsse man spürbar machen, welchen Horror er vorher durchlebt habe. „Wir zeigen darin den Alptraum und das Leid, das ihm widerfahren ist.“ Mit den Schauspielern haben sie zwar in Düsseldorf gedreht, so der 42-jährige Lehniger aus Weimar, der Visuelle Kommunikation und Freie Kunst studiert und das „to-go“-Format für Düsseldorf entwickelt hat. „Aber die Stadt ist nicht erkennbar, denn Toleranz ist ein universelles Thema.“

Entscheidend im „Nathan“ ist ja, dass die Menschen sich nicht darauf versteifen, die einzig wahre Religion zu besitzen. So ringt die Titelfigur darum, Vernunft und Glaube in Einklang zu bringen. Seine Weisheit besteht darin, der Welt jeden Tag aufs Neue mit Toleranz und Großmut zu begegnen. Um einen ‚Trialog’ zwischen Juden, Christen und Muslimen bemüht sich in Düsseldorf auch das „Café Abraham“, vor anderthalb Jahren organisiert von den katholischen und muslimischen Hochschulgemeinden.

In diesem Café — eine bundesweite Institution, die sich „Dialog - Zivilgesellschaft - Demokratie“ auf ihre Fahnen geschrieben hat — treffen sich, seit Mai 2016 auch in unserer Stadt, Studenten verschiedener Religionen, diskutieren über Gemeinsamkeiten und Konflikte im Zusammenleben der monotheistischen Religionen. Die Forderung nach gegenseitiger Toleranz habe, so Evensen, durch die Flüchtlingsbewegung seit 2015 an Aktualität gewonnen.

Welchen Preis dies kostet, wird in „Nathan (to go)“ deutlich, so will der Theaterabend zu Gesprächen und zum Austausch miteinander anregen. Denn dass die Offenheit der liberalen westlichen Lebensweise für Menschen aus anderen Kulturkreisen auch befremdlich sein kann, gälte es ebenso zu akzeptieren.