1. NRW
  2. Düsseldorf

Nach Razzia in im Maghreb Viertel: Nach Razzia in Düsseldorf: „Das Viertel hat so viel mitgemacht“

Nach Razzia in im Maghreb Viertel : Nach Razzia in Düsseldorf: „Das Viertel hat so viel mitgemacht“

Nach einer Anti-Terror-Razzia in „Klein-Marokko“ sind die Anwohner beunruhigt.

Düsseldorf. Es ist ruhig geworden an der Kreuzung Lessingstraße/Querstraße. Dort, wo vor einer halben Stunde noch mehrere Einsatzwagen standen, Beamte einen Wagen aufbrachen und durchsuchten, die Straße abgesperrt war. Früh am Morgen hatte es mehrere Großrazzien in NRW gegeben, neben Duisburg, Dortmund und Tönisvorst auch hier in „Klein-Marokko“ in Oberbilk. Im Visier der Ermittler: Drei Tatverdächtige, die Kontakte zu terroristischen Vereinigungen haben sollen. Sie sollen junge Männer radikalisieren und für den Kampf in Syrien und dem Irak rekrutieren.

Auf Anfrage teilt die Bundesanwaltschaft mit, sie habe „die Wohn- und Geschäftsräume dreier namentlich bekannter Beschuldigter in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen (. . .) durchsuchen lassen“. Laut Generalbundesanwalt sind die Personen verdächtig, seit Januar und Juli 2015 um Mitglieder und Unterstützer für die terroristische Vereinigung „Islamischer Staat (IS)“ geworben zu haben. Einer der Beschuldigten steht darüber hinaus in Verdacht, die Terrororganisation finanziell und logistisch unterstützt zu haben.

In Düsseldorf an der Lessingstraße haben Beamte die Wohnung eines Mannes durchsucht, der der Salafistenszene zugeordnet wird. Die Beamten brachen die Wohnungstür auf, beschlagnahmten einige Gegenstände aus der Wohnung. Auch das Auto wurde aufgebrochen und durchsucht. Zu einer Festnahme sei es aber nicht gekommen. Weitere Einzelheiten wollte die Generalbundesanwaltschaft am Mittwoch nicht mitteilen.

Yildiray Soylu hat den Polizeieinsatz früh am Morgen mitverfolgt. „Ich bin gegen halb fünf durch Schreie auf der Straße aufgewacht. Drei Männer haben einen beklaut. Es gab eine Schlägerei“, sagt er. „Das hatte aber nichts mit dem zu tun, was dann kam“, fügt er hinzu. Wenig später seien die Einsatzwagen der Polizei gekommen, unmittelbar vor seinem Friseursalon sei die Straße abgesperrt worden. Von Nachbarn habe er später erfahren, dass Unterstützer mutmaßlicher IS-Terroristen gesucht wurden. Ein Auto sei aufgebrochen und durchsucht worden. „Ich fühle mich gar nicht gut dabei. Ich habe mittlerweile gar keine Lust mehr, hier zu leben“, sagt der 43-Jährige. Seit zweieinhalb Jahren wohnt der gebürtige Türke in „Klein-Marokko“.

„Wir haben hier schon einiges mitgemacht“, sagt er. Anfang des Jahres stand das Maghreb-Viertel — so der Polizeijargon — landesweit im Fokus: Im Januar riegelten drei Hundertschaften den Bereich rund um die Ellerstraße ab, kontrollierten 300 Menschen, nahmen 40 vorläufig fest.

Es war ein von langer Hand geplanter Schlag gegen das Netzwerk von nordafrikanischen Kriminellen, welches die Polizei seit Anfang 2014 in dem Auswerte- und Analyseprojekt „Casablanca“ beobachtet. Mehr als 2200 Verdächtige und über 4000 Straftaten hatten die Ermittler in zwei Jahren erfasst — laut einem Bericht des Innenministers waren es allein in den ersten sechs Monaten dieses Jahres erneut 887 Tatverdächtige und knapp 1300 Straftaten.

Trotzdem war es im Viertel am Bahnhof ruhiger geworden, sagen Anwohner und die Polizei. „Dass sie jetzt hier nach Terroristen suchen — das ist schlimm“, sagt Friseur Soylu. Ein Kumpel kommt vorbei. Soylu begrüßt ihn mit Handschlag, man tauscht sich aus. Tobias (Name geändert) wusste nichts von der aktuellen Razzia, erinnert sich aber noch gut an die letzte Polizeiaktion. Er wohnt seit fünf Jahren hier, seine Einstellung hat sich in dieser Zeit geändert. „Sonst war mir eigentlich immer egal, was vor meiner Haustür passiert. Aber seit ich ein Kind habe, denke ich anders. „ Jetzt habe er Angst um seine Familie. „Auf den Spielplätzen liegen Glasscherben, Drogen werden vertickt — das ist keine Umgebung, in der Kinder aufwachsen sollten“, sagt er.

Der Obst- und Gemüseladen nahe der Lessingstraße hat für den Rest des Tages dicht gemacht. Nur wenige Passanten sind auf der Straße, alle sprechen über die Razzia. In der Metzgerei tauschen sich Handwerker und Rentner bei Schnitzel und Püree über den Polizeieinsatz aus. Die Verkäuferin erzählt, dass die Polizisten ein Haus gestürmt hätten. „Das kann halt überall passieren. Das schockiert mich gar nicht“, sagt ein junger Mann mit gleichgültiger Miene. Bei einem anderen löst die Nachricht über die Razzia vor allem eines aus: Aggression. „Die Falschen werden hier verantwortlich gemacht“, ruft er. Bevor die Stimmung noch weiter kippt, schwingt er sich auf sein Fahrrad und fährt davon.