Musik-Genie im seltsamen Gewand

Musik-Genie im seltsamen Gewand

Chilly Gonzales spielte an einem Tag zwei Konzerte in der Tonhalle und lieferte alles andere als eine Ein-Mann-Show ab.

Samtroter Morgenmantel, graue Pyjamahose und braune Hausschuhe — so betritt Chilly Gonzales die Bühne der Tonhalle. Äußerlich vermittelt er den Eindruck eines zerstreuten Professors, der gerade die Zeitung aus dem Briefkasten geholt hat und sich damit nun an den Frühstückstisch setzt. Ein kurzer Blick ins Publikum, dann nimmt der 46-Jährige wortlos am schwarzen Bechstein-Flügel Platz.

Chilly Gonzales lebt Musik, er spielt sie nicht nur. Das wird selbst dem Teil des Publikums, das den Mann mit den ab und an entrückten Gesichtszügen zuvor nicht kannte, bereits wenige Momente nach dem dieser kräftig in die Tasten haut, klar: ausdrucksstark, mit zügigen Tempo-Wechseln und immer balancierend zwischen heiteren und melancholisch angehauchten Melodien. Die Harmonien sind mitunter von kurzer Dauer, doch die Tonalität, das Zusammenpassen von Dur- und Moll-Klängen, beeindruckt ab der ersten Minute.

„Guten Nachmittag“, sagt Gonzales nach dem zweiten Stück auf deutsch und begrüßt damit sein Publikum zum „Piano-Tag“, der zu Ehren des 88 Tasten umfassenden Instruments immer am 88. Tag des Kalenderjahres zelebriert wird. Der als Jason Charles Beck in Montreal geborene Kanadier gibt zu, dass es für Künstler wie ihn ungewöhnlich sei, seine Zuschauer am Nachmittag zu begrüßen. Das genügt, um das Eis — wenn denn je welches da war — zu brechen. Und wem die ersten musikalischen Eindrücke noch nicht genügt haben, der fühlt sich spätestens jetzt von diesem Künstler abgeholt, der charmant und humorvoll über Musik und ihre Entwicklung spricht.

Und wer könnte das besser als der exzentrische Querdenker? Nach seinem Jazz-Piano-Studium an der Concordia University in Montreal wandte sich Gonzales der Popmusik zu. Durch Electro-Tracks mit satirischem Rapgesang erlangte er große Bekanntheit. Sein Repertoire beinhaltet unter anderem Jazz, Popmusik und Klassik. 2010 trat er mit Helge Schneider auf, 2013 war der „Musikprofessor“ Gast auf einem Album des französischen Electro-House-Duos Daft Punk und erhielt dafür einen Grammy. Gonzales ignoriert Genre-Grenzen. Er experimentiert, setzt sich morgens in seiner Wohnung ans Klavier und spielt drauf los. Oder er sorgt mit einem Weltrekord für Schlagzeilen. So wie mit einem 27 Stunden langen Dauerkonzert im Mai 2009.

Zu seinen zwei Düsseldorfer Konzerten an einem Tag kam „Gonzo“ nicht alleine. Die russische Pianistin Olga Scheps lebt wie Gonzales in Köln. Sie wirbelt zunächst alleine mit ihren schlanken Fingern über die Tasten des Bechstein-Flügels, dann geben beide das Duett „Gentle Threat“ („Sanfte Drohung“) zum Besten. Der Düsseldorfer Komponist und Pianist Hauschka überzeugt am von ihm präparierten Klavier ebenso wie Malakoff Kowalski, der das Publikum mit seinen sanften Klängen unter dem Motto „My first piano“ („Mein erstes Klavier“) auf zwei dreiminütige Traumreisen mitnimmt.

Seine Vielseitigkeit untermauert Chilly Gonzales mit einer Rap-Passage, zu der ein Metronom auf dem Flügel den Takt vorgibt. Mit Cellistin Stella LePage wird es wieder rasanter, ehe zum Abschluss alle fünf an diesem Nachmittag beteiligten Künstler eine gemeinsame Einlage am Tasteninstrument darbieten.

Wer die von Gonzales in der Vergangenheit präsentierten Versionen bekannter Popsongs wie „Eye of the tiger“ oder „Careless whisper“ sowie gängige Stücke à la „Knight moves“ erwartet hatte, wird enttäuscht. Nach etwas mehr als eineinhalb Stunden abwechslungsreicher Unterhaltung verlassen der Mann im samtroten Morgenmantel und seine musikalischen Begleiter die Bühne — ohne „Knalleffekt“ zum Abschluss. Es geht ein Virtuose am Piano, der deutsche Komponisten verehrt, Rap liebt und Jazz-Piano studiert hat. Es geht ein selbstironisches Genie im Gewand des musizierenden Nachbarn aus Köln.