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Düsseldorf: Mundart: Die Broich-Aussprache spaltet die Stadt

Düsseldorf : Mundart: Die Broich-Aussprache spaltet die Stadt

Mal hört man „Brooch“, mal „Breuch“, auch bei der Rheinbahn — was steckt hinter der sprachlichen Verwirrung?

Düsseldorf. Nicht einmal die Rheinbahn scheint Bescheid zu wissen. Sitzt man in der Straßenbahnlinie 712 und fährt auf die Haltestelle Rather Broich zu, erklingt die weibliche Stimme aus dem Lautsprecher: „Nächster Halt: Rather Breuch.“ Komisch, denkt man sich — hat man dieselbe Stimme nicht vor ein paar Tagen im 729er-Bus noch „Neu-Lichtenbrooch“ sagen hören?

Laut Heinrich Spohr ist das Dehnungs-i aus einem frühen Schriftzeichen entstanden, das dem i ähnelte und das eine vergleichbare Funktion hatte wie heute das h hinter Vokalen.
Laut Heinrich Spohr ist das Dehnungs-i aus einem frühen Schriftzeichen entstanden, das dem i ähnelte und das eine vergleichbare Funktion hatte wie heute das h hinter Vokalen. Foto: Lepke

Da war sie wieder, die alte Frage: Brooch oder Breuch? Hört man sich in Düsseldorf um, dann gibt es darauf eine ganze Menge Antworten (siehe unten). Aber was ist denn nun eigentlich die richtige?

Vor ein paar Jahren hat Hape Kerkeling in der Broich-Frage schon einmal große Verwirrung gestiftet. Seine Kunstfigur Horst Schlämmer, Taxifahrer in Grevenbroich, sprach seinen Heimatort in etwa „Greevenbreusch“ aus — im Gegensatz zu praktisch dem gesamten Rest der Bewohnerschaft des kleinen Städtchens.

Kerkeling hat die Sache nie aufgeklärt, aber zu Aussehen und Charakter seiner rheinisch-ruppigen Schlämmer-Figur passt die breite Aussprache mit Doppelvokal mit anschließendem „Sch“-Laut deutlich besser als das vornehmer klingende langgezogene „o“. Nur richtig ist sie nicht.

Und was sagt die Rheinbahn zum Thema? Nach Auskunft von Sprecher Eckhard Lander ist das Problem dort zwar erkannt, aber offenbar noch nicht ganz behoben. Hintergrund: Vor gar nicht langer Zeit ließ die Rheinbahn aus technischen Gründen alle rund 2000 Haltestellen neu einsprechen. Dabei sei auch auf die Broichs geachtet worden: „Wir hatten sehr viele Breuchs früher“, so Lander. Dass es noch immer welche gibt, könne er aber nicht ausschließen. Tatsächlich wird etwa auch an der Station Mörsenbroicher Weg immer noch gebreucht. Lander: „Wenn Fahrgäste uns einen Hinweis geben, bessern wir nach.“

Mundart-Experte Heinrich Spohr hat das selber schon einmal getan, es ging um Lichtenbroich, damals bei der Rheinbahn „Lichtenbreuch“. Das sei daraufhin geändert worden. Spohr kennt sich nicht nur mit dem rheinischen Dialekt aus, daher weiß er: „Das i ist ein Dehnungszeichen.“ Es macht also aus dem o ein langes o (siehe Info-Kasten).

In derselben Weise sei bei Doppelvokalen im Rheinland manchmal auch das „e“ zu verstehen, etwa bei der Hausbrauerei Uerige. Korrekt wäre demnach also die Aussprache „Uhrige“, allerdings hat sich „Ürige“ durchgesetzt. Der Name Maes ist ein weiteres Beispiel, erst kürzlich wurde ja die Maes-Plakette verliehen: Auch die Düsseldorfer Familie des Namens- gebers hat das Korrigieren laut Spohr aufgegeben: „Die sprechen sich nun auch mit ä.“

„Broich“ ist nicht gleich „Broich“ — das zeigt ein Blick darauf, wie die Düsseldorfer selber mit den Straßen- und Stadtteilnamen umgehen. Am Flinger Broich käme wohl niemand auf die Idee, Flinger „Breuch“ zu sagen. Da sind sich wohl alle alle Fortuna-Fans, die jemals im Paul-Janes-Stadion waren, mit den Schwimmern im Allwetterbad einig. In Rath und Mörsenbroich sieht es dagegen anders aus. Die WZ war vor Ort.

Auf dem Rather Broich ist an einem grauen Vormittag Ilse Krieger unterwegs. „Ich sage Rather Breuch“, lautet ihre Aussage in der Aussprachefrage. Sprachliche Regeln kann die Rentnerin dafür nicht anführen, sondern nur Gewohnheit — sie wohne seit 25 Jahren im Viertel. Eine klare Regel gebe es ohnehin nicht, ist die Seniorin überzeugt: Man könne beides sagen. Für ihre Breuch-Variante führt sie dann aber Fürsprecher an: „In der Rheinbahn sagen sie auch Breuch!“

Im Kiosk an der Ecke entwickelt sich gleich eine Diskussion, als das Thema aufkommt. Der junge Mann hinter der Theke ist überzeugt, dass es „Breuch“ lauten muss, schließlich würden das alle so sagen. Ein Kunde bringt dagegen eine ganz andere Variante ins Spiel: „Streng genommen“, führt der Mittfünfziger in Jogginghose mit erhobenem Zeigefinger aus, müsse man die Vokale einzeln aussprechen, und macht es sogleich vor: „Bro-ich“ — ungläubige Blicke der Umstehenden.

Mit seiner Meinung steht der Mann aber alleine da, im Viertel bevorzugt die große Mehrheit die eu-Aussprache. Richtig begründen kann das aber kaum jemand, wenngleich manche von Zweifeln geplagt werden: „Eigentlich richtig wäre Brooch, oder?“, fragen mehrere den Reporter.

Kompetente Auskunft gibt es dann aber doch noch, nämlich von der Briefträgerin. Sie zeigt sich in der Frage recht entspannt, will niemandem Vorschriften machen. Allerdings kann sie eine Nachbarin zitieren: „Die hat mir mal gesagt, das i ist ein Dehnungs-i.“