Mr. Wash — ein Trip ins Reich der Farben und Klänge

Stadt-Teilchen : Mr. Wash — ein Trip ins Reich der Farben und Klänge

Wie die Durchfahrt der Waschanlage an der Mecumstraße zur großen Show werden kann.

Manchmal ist mir nach Farbe. Nicht nach irgendeiner Farbe, sondern nach knalligen Farben, nach Farben, die ineinander verlaufen, die kommen und gehen, die sich vor meinem Auge verdichten und dann wider zerfließen. Kurzum: Manchmal ist mir nach ganz schön bunt.

Ich setze mich dann ins Auto und fahre zu meiner Lieblingswaschanlage an der Mecumstraße. Schon auf dem Weg dorthin bin ich voller Vorfreude, weil ich weiß, dass meine Netzhaut gleich geflutet wird mit Farben, die nach Rausch riechen, die mich erinnern an psychedelische Musik aus den 70er Jahren.

Meine Vorfreude wird noch gesteigert durch das Grau der Stadt, das Grau der Straßen, das Grau des Himmels. Alles Grau und nah am Grauen.

Aber dann biege ich ab von der Straße, kurve einmal um die Anlage und entrichte bei einem freundlichen Mann meinen Obulus. Zugegeben, es ist nicht ganz billig, in diesen Farbenrausch einzutauchen, aber manchmal muss ich das haben, will ich mir diesen kleinen Urlaub gönnen.

Ich habe mich schon dabei erwischt, wie ich absichtlich schwungvoll durch Pfützen gefahren bin, um mein Auto schön dreckig werden zu lassen, es waschanlagenreif zu machen. Ich brauche das halt manchmal, diesen kleinen Trip zwischendurch.

Ich fahre ein durch ein Tor, und es regnet von oben auf meine Scheibe. Im Nu ist sie undurchsichtig, aber irgendwie immer noch Grau. Dann kommt jemand und bespritzt mein Auto von vorne und hinten. Schließlich weist mich noch jemand ein, damit ich die richtige Spur finde. Gang raus. Los geht’s. Ab jetzt bewege ich nichts mehr, ab jetzt werde ich bewegt. Ich tauche ein ins farbige Nirwana, das hier ein unbekannter Künstler, den man nicht anders nennen kann, offenbar nach dem Motto konzipiert hat, dass viel viel hilft, vor allem in Sachen Autofahrer-Waschanlagenentertainment.

Erst kommt das Grün. Kein Tannengrün, kein Rasengrün, sondern ein richtig giftiges Slime-Grün. Es schleimt meine Windschutzscheibe zu. Erst sind es nur Flöckchen, dann verdichten sie sich, und plötzlich ist mein gesamtes Sichtfeld dicht. Wäre alles weiß und nicht grün, dann könnte man sich wie unter einer dichten Schneedecke wähnen, aber ich weiß ja, es ist nur Waschlotion.

Dann folgt ein Gruß des Waschanlagenbetreibers, der auf meine Scheibe projiziert wird und langsam von unten nach oben wandert, was sehr unwirklich wirkt. Dann scheint es, als schieße jemand auf mein Auto, denn im schleimigen Grün tun sich unzählige Löcher auf.

Plötzlich erschrecke ich. Ich erschrecke nicht wirklich, ich erschrecke mich bewusst, weil das zu meiner kleinen Geisterbahntour gehört. Auf einmal kriecht nämlich etwas Krakenhaftes an meiner Scheibe hoch. Es sind natürlich die Tentakeln der riesigen Waschlappen, die hier ihr Werk tun, aber sie wirken so bedrohlich, dass ich jedes Mal annehme, mein letztes Stündlein habe geschlagen.

Das Grün schleimt danach nur noch in Resten über mein Sichtfeld, und dann kommen noch von rechts und links mannshohe Bürsten auf mich zu. Uuuuhhh!

Durch den Restschleim sehe ich ein Licht, das zwischen rosa und lila changiert. Ich sehe rosa und lila durch eine grünen Schleier, der plötzlich fortgeschwemmt wird durch einen prasselnden Regenguss.

Immer blasser wird das Grün, immer dominanter das Lila und das Rosa. Doch dann folgt von oben noch ein heftiger Guss in Höllenrot. Auf einmal scheint meine Windschutzscheibe zu brennen. Aber dann kommt wieder klares Wasser, und es klart auf.

Auf einmal stehe ich direkt vor den rosafarbenen Lichtern, vor einer Art engem Kanal, und die lila Lampen sind plötzlich tiefblau. Mein Gefährt wird förmlich angesogen von diesen Lichtern. Weiterhin glüht es orange, und ich spüre, wie eine Art Wüstenwind das Wasser von meinem Gefährt vertreibt. Ich fahre nicht mehr, ich fließe dahin, werde eins mit den Farben, löse mich auf.

Aber dann tut sich ein Tor auf, und ich blicke hinaus ins Grau der Mecumstraße. Eine Ampel springt auf Grün, und ich bin raus. Aus der Traum von den Farben. Aber sie wirken nach, sie halten mich noch gefangen über den Tag. Gerade mal gut zweieinhalb Minuten dauert solch eine Fahrt, aber ich habe jedes Mal lange etwas davon.

Natürlich weiß ich, dass das alles Show ist, das mit den vielen Farben. Aber es ist eine tolle Show, ein Augenöffner. Natürlich funktioniert das nur mit den originalen Geräuschen, dem Prasseln der Flüssigkeiten, dem mechanischen Schleifen der Anlage, dem Schlappen der Tentakeln. Das gleicht einer Industrial-Symphonie.

Ich habe mal solch eine Durchfahrt mit dem Handy gefilmt und Bekannten das Ergebnis gezeigt, und die meisten dachten, ich würde irgendeine Videoinstallation aus dem Museum vorführen. Kunst? Oder Waschanlage? Man weiß nie. Einer meinte gar, das wirke wie aus der Sicht eines Ungeborenen gefilmt, das gerade durch den Geburtskanal flutscht.

Gescheitert bin ich übrigens mit dem Versuch, den Trip durch Musik noch einmal aufzupeppen. Ich habe Pink Floyd laufen lassen. Nicht das gängige Zeug, eher abstrusen Kram. Hat aber nicht funktioniert. Es braucht die originalen Maschinengeräusche, das echte Schleifen und Schwappen.

Und es braucht auch den Moment danach, wenn ich erkenne, dass dies gerade nicht die wirkliche Welt war, dass mich die Durchfahrt nur aufgeladen hat mit Phantasie für meinen tristen Alltag.

Und das Beste an der Tour: Hinterher ist das Auto picobello sauber.

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