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Monkey’s Island: Der erste (und schönste) Stadtstrand Deutschlands

Düssel-Flaneur : Monkey’s Island: Der erste (und schönste) Stadtstrand Deutschlands

Von 2003 bis 2006 war Monkey´s Island „das“ Aushängeschild Düsseldorfs – und der Medienhafen mit mk-2, Harpune, 3001 und The Room ein Szene-Treff für NRW.

Du setzt dich an die Spitze, und die Spitze überblickt die Hafeneinfahrt und zeigt Richtung Rhein. Dein Blick trifft die Kniebrücke, er trifft den Rheinturm, und er trifft die Gehry-Bauten. Der Mai, die Sonne, der Himmel. Die ersten warmen Tage im Jahr. Panoramablick von der Landzunge auf Hafen und City. In einer besseren Welt würdest du jetzt die Hosen hockrempeln, die Schuhe ausziehen und vor deinem Liegestuhl die Zehen im körnigen Boden vergraben. Dabei einen Kaffee bestellen und in Aussicht versinken. Nein, falsch: Du würdest ein Bier oder einen Longdrink bestellen – keinen Kaffee, denn ist ja schon nach Feierabend und Donnerstag und somit fast Wochenende. Drehtest du dich um, so sähest du: Sand. Überall Sand. 1500 Tonnen feine Dünen-Qualität, verteilt über 5000 Quadratmeter. Darauf: drei Strandbars, Rattanmöbel, ein Biergarten, dutzende Strandkörbe und Sonnenschirme, ein Spielbereich für Kinder sowie ein Edel-Restaurant in einem an die Kaimauer geklebten Häuschen auf seitlichen Stelzen, das mal der Feuerwehr diente – und dazwischen ein paar Bäume: Monkey’s Island.

Es würde ein bisschen nach Gegrilltem, ein bisschen nach Sonnenöl und ein bisschen nach Rhein riechen, und über all dem würde Leichtigkeit schweben und Musik. Angenehm plätschernde House-Grooves, zwischendurch ein paar Klassiker. Je später der Medienhafen-Abend, desto mehr Leute würden auf die „Affeninsel“ strömen. Manche würden eine Kleinigkeit essen, andere würden Beach-Volleyball spielen oder in den Auslagen des Holz-Kiosks stöbern, der Flip-Flops, Strandtücher, Sonnencreme, Schmuck und T-Shirts verkaufte. Die meisten jedoch würden gar nichts tun. Sprich: sich irgendwo hinfläzen, die Stimmung genießen, sich unterhalten, flirten, Leute gucken.

Monkey's-Island-Kiosk neben Tita Gieses Maisgarten. Foto: Rainer Wengenroth

Noch käme die Musik-Beschallung vom Band, doch schon bald würden DJs übernehmen, und vielleicht gäbe es vorher ein kurzes Live-Konzert oder eine Didgeridoo-Performance. Die Eltern mit ihren Sandbuddelkindern würden allmählich nach Hause gehen. Dafür käme Feierabend-Publikum, nicht nur aus den umliegenden Büros, sondern aus der gesamten Region – sogar aus den Niederlanden. Und noch etwas später würden die Ausgehleute dazustoßen, um von der „Affeninsel“ aus ins Nachtleben zu starten.

In dieser besseren Welt wäre Monkey’s Island immer noch fast genauso wie es Mitte der Nuller Jahre gewesen ist: Eine Attraktion, stimmungsmäßig beheimatet zwischen „Café del Mar“ und „Neo-Hippie-Markt“. Besonders, aber nicht exklusiv. Es gäbe zwar Türsteher, doch die sorgten eher dafür, dass es nicht zu voll würde. Jeder, der nicht nach Stress aussähe, wäre willkommen: Junge, Jüngere und weniger Junge. Schicke, Szenige, Normale. Alles vertreten, von Dreadlocks bis Perlenohrringe, vereint in freudiger Aussicht auf den täglichen Hafenstrand-Höhepunkt: Wie sich die Sonne auf den Fassaden der Gehry-Bauten spiegelt und schließlich hinter der Plange Mühle im Hafen-Meer versinkt. Die DJs würden den passenden Sunset-Song liefern, etwa „Hotel California“ von den Eagles, und dazu würden Dutzende Fackeln entzündet. Die Stadtstrand-Gäste würden sich anlächeln, sich zuprosten – in dem Gefühl, im richtigen Moment am richtigen Ort zu sein.

Die Hafenspitze: heute reich an Beton, früher lebendig. Foto: Rainer Wengenroth

Kurzum: Monkey’s Island wäre längst ein Düsseldorf-Wahrzeichen und bei Instagram einer der meistfotografierten Orte der Stadt. Kein mediales Düsseldorf-Porträt käme ohne Affeninsel-Hinweis aus, und immer wieder würde in diesem Zusammenhang gelobt, wie Düsseldorf den alten Industriehafen nach dem Kickstart durch den aufsehenerregenden Citybeach dauerhaft mit Leben erfüllt hätte. Stichworte: bunt und quirlig, perfekter Mix aus ästhetischer Büro-Architektur, Trend-Gastronomie sowie Medien-, Kunst- und Galerieszene, florierendes Nachtleben, Magnet für Einheimische und Auswärtige. Und vielleicht würde 2023, beim 20. Geburtstag von Deutschlands erstem urbanen Strandclub, der eine oder die andere beim Stadtmarketing insgeheim ausrechnen, was eine vergleichbare Image-Kampagne gekostet und wie sehr sich die Gratis-Strahlkraft von Monkey’s Island für Düsseldorf werbe- und PR-mäßig ausgezahlt hätte. Zurück in die Realität: Der Sand und die Hütten, die Holzplattformen und die Affenskulptur von Künstler Jörg Immendorff – alles weg, alles abtransportiert, schon lange. Im Oktober 2006 war Schluss. Bereits zwei Jahre vor dem eigentlichen Baubeginn an der Hafenspitze mussten die Monkey’s-Macher ihren Stadtstrand dem Erdboden gleichmachen. Auch das Restaurant-Häuschen mit dem von Claus Föttinger und Andreas Gursky gestalteten Innendesign musste weichen, ebenso alle Bäume und der von Pflanzenkünstlerin Tita Giese konzipierte wilde Mais-Garten.

Architektonisch okay, aber auf heiligem Boden gebaut

Monkey’s-Postkarte zur Schließung im Oktober 2006. Foto: Tom Lemke

Und weil das so ist, sitzt du jetzt eben nicht auf einem Liegestuhl neben Immendorffs Inselaffen, sondern auf einer Steinbank, die nicht mal schön ist, neben einem Mülleimer. Hinter dir thronen die beiden Türme des Hyatt-Hotels. Eine Bank weiter sitzt ein Paar, das gerade die Jack-Wolfskin-Partnerlook-Jacken ausgezogen hat und nun gemeinsam auf unterschiedliche Smartphones glotzt. Ein trauriger Ort, diese Spitze der Hafenspitze: reich an Beton, noch dazu charmelos. Du drehst dich um und schaust die Glasfassade empor, und dann denkst du: Architektonisch ist das zumindest ganz okay. Schließlich kann dieses Hotel nichts dafür, dass es ausgerechnet auf den heiligen Affeninsel-Boden gebaut wurde. Und während du dich fragst, ob du diesen Gedanken nur ironisch oder auch ein wenig ernst meinst, stehst du auf und siehst die beiden in der Betonwüste ausgesetzten Pflanzenkübel. So lieblos-mickrig sind sie, dass du plötzlich sicher bist: Hier ist es nicht auszuhalten.

Du spazierst also um die Hotelspitze herum, und auf dem Weg fällt dir der passende Kompromissgedanke ein: Klar ist das ein spektakuläres Gebäude, aber es hat nichts, woran man emotional andocken kann, da kann das Herz auf der Fassade noch so riesig sein. Das Hyatt landet in der Presse, wenn die deutsche Fußball-Nationalmannschaft oder andere Prominente dort übernachten, Monkey’s Island hingegen war selbst prominent. Die Blaupause eines künstlichen Stadtstrands, maßstabsetzend, hundertfach kopiert, nie erreicht. Letztens hat dir ein Freund erzählt, die Affeninsel habe es damals bis in die ARD-Tagesthemen und die New York Times geschafft. Und dann stellte dieser Freund, der so eine Art Nachtlebenspezialist ist, eine These auf: Das von der Stadt erzwungene Aus des Monkey’s im Jahr 2006 sei der Anfang vom Szeneviertel-Ende gewesen. „Club-Sterben“ im Medienhafen. Tatsächlich kennst du nicht einen Düsseldorfer, der hier abends noch ausgeht. Zwischen Hammer Straße und Speditionsstraße sind primär Touristen unterwegs. Überwiegend schicke Gastronomie mit vielen Businessleuten, dazu hier und da Edel-Prolls aus der Provinz, die mit Louis-Vuitton-Handtaschen und Philip-Plein-Jackets, ohne es zu merken, Düsseldorf-Klischees nachspielen. Nachtleben? Wer mag, kann einen Cocktail trinken. Subkultur? Nur auf den Aufklebern mit Polit-Sprüchen oder Indie-Werbung, die an Laternenmasten kleben.

Auf der (durchaus schönen) Design-Fußgängerbrücke, die – was dir bisher gar nicht aufgefallen ist – einen Namen hat und „The Living Bridge“ heißt, überschwemmen dich Nuller-Jahre-Erinnerungen: In Gedanken zeigst du auf die südliche Verlängerung der Hafenspitze. Als der Medienhafen das Reservat der Ausgehszene war, residierte dort die Harpune – ein technoider Underground-Club. Und wenn nicht der Düsseldorfer Andry Nalin für die Musik sorgte, waren es Stars der Szene wie Ricardo Villalobos oder Sven Väth. Dein Gedankenarm wandert weiter, zum hinterem rechten Hafenbeckenende, dem Standort des damals größten Hafen-Clubs: Im 3001 feierten an Spitzentagen bis zu anderthalbtausend Gäste aus ganz NRW. Donnerstags traf sich die Düsseldorfer-Szene bei der „Milchbar“, und an Sommer-Wochenenden konnte es passieren, dass Mousse T. oder Goldie in Kooperation mit Monkey’s Island zuerst eine Affeninsel-Session unter freiem Himmel ablieferten und dann im 3001 weitermachten.

Nicht zu vergessen das mk-2, nur wenige Meter vom 3001 entfernt: An der Handelshafen-Rückfront erkennst du die Ex-Fenster der 2008 geschlossenen Location, die dienstags eine bis heute legendäre After-Work-Party ausrichtete und in der sich neben dem DJ Chrissi D. an den Wochenenden musikalische Gäste wie Bob Sinclair oder Dimitri from Paris die Ehre gaben.

Düsseldorfer Lässigkeit: ein Kölsch-Brauhaus

Du lässt die lebende Brücke hinter dir und erreichst den Ueckerplatz. Und weil du nun schon mal angefangen hast mit deiner Nachtleben-Chronik im Geiste, musst du sie hier vervollständigen. Letzte Station: Der House-Club The Room. Der Raum, in dem The Room untergebracht war, liegt am Zollhof 11, dem heutigen Restaurant Riva, und wenn du dich nicht täuschst, hast du dort DJ Pippi aus Ibiza und Boris Dlugosch aus Hamburg auflegen sehen. Jetzt reicht es aber auch mal mit dem Club-Nostalgie-Spektakel, denkst du – und freust dich im Vorbeigehen, dass wenigstens das Eigelstein die Stellung hält, der in Düsseldorf fast schon berühmte Kölsch-Brauereiausschank. Würde so etwas andersherum funktionieren – dass ein Alt-Brauhaus in Köln zum Gastro-Evergreen avanciert? Düsseldorfer Lässigkeit.

Subkultur nur noch auf Aufklebern: Medienhafen 2020. Rechts: das Hyatt-Hotel. Foto: Sebastian Brück

Weiter die Hammer Straße entlang, die Ecke Wupperstraße passierend, wo irgendwann mal eine Tankstelle war und es zu den besten Zeiten des Medienhafens eine so kleine wie angenehme Café-Bar namens Minol gab, mit einem kreativen Blumenladen als Nachbarn. Und damit dieser Hafen-Rundgang nicht zu sehr ins Früher-war-alles-besser-Fahrwasser gerät, machst du etwas, das du schon vor zwanzig Jahren gerne gemacht hast: Du bestellst dir im Curry an der Hammer Straße 2, von dem es heißt, es sei bei seiner Eröffnung 1999 das erste Currywurst-Restaurant Deutschlands gewesen, eine Currywurst mit Pommes.

Als hättet Ihr euch vorher abgesprochen, meldet sich in diesem Moment dein Freund, der Nachtlebenspezialist. Er schickt dir einen Link aufs Smartphone, den du, wenn es nach ihm geht, unbedingt in die Medienhafen-Chronik einbauen solltest: Bei Ebay wird ein Original-Puma-Trikot von Fortuna Düsseldorf aus der Saison 2003/2004 angeboten. Hauptsponsor damals (als Nachfolger der Toten Hosen): Monkey’s Island. Das Trikot ziert der von Jörg Immendorff entwickelte trinkende Affe, darunter die Aufschrift: „Monkey’s“. Ein Gewinner-Teil, denn mit dem Affen auf der Brust schaffte die Fortuna in den schwersten Zeiten des Vereins den direkten Wiederaufstieg in die Regionalliga. Das alte Trikot mit Monkey’s-Logo kostet 295,95 Euro. Düsseldorfs bis dato außergewöhnlichsten Ort des neuen Jahrtausends live und in Farbe erlebt zu haben, ist unbezahlbar.

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