Mobbing und Gewalt: Düsseldorfer Kommissarin macht Schulen Vorwürfe

„Tatort Schulhof“ : Mobbing und Gewalt: Kommissarin aus Düsseldorf macht Schulen schwere Vorwürfe

Eine Polizistin aus Düsseldorf wirft Schulen vor, Themen wie Gewalt und Mobbing absichtlich auszublenden. Auch Erkenntnisse einer Stiftung sind erschreckend.

Schulen sollten für Kinder ein geschützter Raum sein, in dem sie sich sicher fühlen. Doch das Klima hat sich geändert. Mobbing, Diebstahl, Körperverletzung und schwere Sexualdelikte gehören auf vielen Schulhöfen fast zur Tagesordnung. Kriminalhauptkommissarin Petra Reichling hat ihre Erfahrungen in dem Buch „Tatort Schulhof“ verarbeitet. Darin fordert die 50-Jährige, dass Opfer besser geschützt werden. Und dass Schulleiter dieses brisante Thema nicht weiter einfach ausblenden, weil sie den guten  Ruf ihrer Schule nicht gefährden wollen.

Die Idee zu dem Buch entstand vor vier Jahren. „Damals bin ich gefragt worden, ob ich nicht einen Workshop auf dem Schulleiter-Kongress halten möchte“, schildert die Kriminalbeamtin. Sie wollte den Pädagogen Regeln an die Hand geben, wie man mit Straftaten an Schulen umgehen kann: „Doch ich hatte zu viel versprochen. Am Ende standen mehr Fragen als Antworten.“ Schließlich bekam sie das Angebot, ihre Erfahrungen in einem Buch zu veröffentlichen. Am Anfang habe sie den Eindruck gehabt, dass Lehrer und Schulleiter aus Unwissenheit nicht einschreiten, wenn sie von Mobbing oder Straftaten erfahren. „Inzwischen habe ich meine Meinung geändert“, sagt Petra Reichling, „das Thema wird geblockt. Die Schulleitungen wollen es nicht an die Öffentlichkeit bringen.“

Ausgewertet hat die Beamtin unter anderem Fragebögen von Schülern, die anonym an die Werner-Bonhoff-Stiftung geschickt werden konnten. Die Ergebnisse sind erschreckend. Beleidigungen, das Bewerfen von Klassenkameraden mit Müll, Erpressung, aber auch körperliche Übergriffe sind an der Tagesordnung. Die Opfer werden systematisch ausgegrenzt, selten greifen Mitschüler ein, um andere zu schützen. Obwohl die Täter bekannt sind, werde nur selten eingegriffen. Auch nach Schulschluss haben die Schüler keine Ruhe, denn im Internet gehen Mobbing und Beschimpfungen weiter. Petra Reichling: „Oft wird den Betroffenen damit gedroht, Fotos oder Videos ins Internet zu stellen. Damit sollen dann meist Handys oder Kleidung erpresst werden.“

Schon an Grundschulen
gibt es kriminelle Strukturen

Teilweise gebe es sogar an Grundschulen schon kriminelle Strukturen. Aus dem eigenen Umfeld ist der Kriminalbeamtin ein Fall bekannt, in dem zwei „Bosse“ Mitschüler dazu gezwungen haben, Ladendiebstähle zu begehen. Da es sich um Kinder handelte, wurden die Taten strafrechtlich nicht verfolgt. Besonders krass ist die Geschichte einer 13-Jährigen. Sie wurde von anderen Jungen in den Pausen regelmäßig in den Keller „zitiert“, um dort sexuelle Handlungen vorzunehmen. In einen der Jungen war das Mädchen „verknallt“ und habe deswegen mitgemacht. Danach sei sie von den Jugendlichen immer „gelobt“ worden. „Das war so etwas wie ihr einziges Erfolgserlebnis“, so die Autorin, „aber was soll aus dem Mädchen später mal werden? Wie soll es eine normale Beziehung führen können?“

Dabei werden Hilferufe oft lange überhört, teilweise leiden Schüler jahrelang unter ihren Peinigern. Eltern nehmen erste Hinweise oft nicht ernst und wiegeln ab, dass es schon nicht so schlimm sein werde. Auch wenn sich die Schüler an Lehrer wenden, passiert oft außer einem kurzen Gespräch nichts, obwohl die Täter bekannt sind. In vielen Fällen verlassen am Ende die Opfer die Schule, weil sie es nicht ertragen können, ihren „Mobbern“ täglich gegenüber zu sitzen.

>>>Hier lesen Sie, warum sich eine Mutter aus Düsseldorf von Lehrern im Stich gelassen fühlt.

Dabei sind die Pädagogen dazu verpflichtet, sich um solche Vorfälle zu kümmern: „Es gibt die so genannte Garantenstellung, die auch für Lehrer gilt. Danach gilt eine besondere Schutzpflicht gegenüber den ihnen anvertrauten Personen.“ Auch das Innenministerium hat eine klare Richtlinie vorgegeben. Danach sind Schulleiter verpflichtet, Verbrechen anzuzeigen. Das geschieht aber fast nie. Bei Vergehen wie Sachbeschädigung gibt es einen Ermessensspielraum. Ein weiteres Problem sei, dass viele Schüler inzwischen Messer mit in den Unterricht bringen: „Angeblich vor allem, um sich selbst zu schützen. Hier sollten die Schulen klare Regeln aufstellen und das verbieten. Bei Handys geht das ja auch.“

Eltern empfiehlt die 50-Jährige ein konsequentes Vorgehen, wenn ihre Kinder in Not sind. Sollten Lehrer und Schulleitung nicht reagieren, rät sie zu einer Strafanzeige. Sollte dann immer noch nichts passieren, wünscht sich die Beamtin mehr Engagement der Staatsanwaltschaft, die auch gegen Pädagogen vorgehen kann: „Und zwar nicht nur wegen unterlassener Hilfeleistung. Strafrechtlich können Lehrer als Mittäter gelten, wenn sie von solchen Vorfällen erfahren und den Schülern nicht helfen.“ Am Donnerstagabend stellt Petra Reichling ihr Buch bei der Jahreshauptversammlung der CDU-Frauenunion vor. „Tatort Schulhof“ ist beim Heyne-Verlag erschienen und kostet 18 Euro.

Mehr von Westdeutsche Zeitung