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Düsseldorf: Mitfühlen, „Like“ klicken: Trauern im digitalen Zeitalter

Düsseldorf : Mitfühlen, „Like“ klicken: Trauern im digitalen Zeitalter

Das Internet hat eine eigene Trauerkultur entwickelt. Erinnerungen gehen so nicht verloren.

Düsseldorf. Totentrauer war lange stumm. Hinterbliebene, die im Verborgenen leiden und Freunde, die sich winden, um passende Worte zu finden, gehören dazu. Im Netz ist das anders: Raum für das Gedenken und eine neue Sprache schenkt das Internet den Betroffenen. Schilderungen von Sterbesituationen, Begräbnisbeschreibungen, detaillierte Trauertagebücher, überquellende Kondolenzbücher - das Medium hat sich zu einer Heimat auch für Traurige entwickelt.

Teilnehmen, „Like“ klicken, Mitgefühl aussprechen, trauern, das alles geht auf kurzem, digitalem Weg. „Wenn der Facebook-Account bleibt, geht die Erinnerung nicht verloren“, dieses Argument hört Pfarrer Rainer Kemberg von der evangelischen Zions-Kirchengemeinde immer wieder. „Digitale Trauer gehört mittlerweile zu unserem Leben“, konstatiert er, auch wenn er persönlich mit der virtuellen Gedenkkultur bislang weniger zu tun hat.

„Wenn so ein Eintrag steht, weil ihn keiner löscht, ist das problematisch“, sagt Kemberg. Ein weiteres Problem sei die Respektlosigkeit gegenüber den Verstorbenen, die im Internet möglich sei. „Es darf nichts veröffentlicht werden, was der Verstorbene selbst nicht gewollt hätte, das wäre pietätlos“, warnt er.

Auch Düsseldorfer leben im Internet virtuell weiter. Wie Gitarrist John C. Marshall, der im September vor drei Jahren gestorben ist. Freunde und Wegbegleiter schicken dem Musiker immer noch Geburtstagsgrüße („Wo immer du auch bist“) oder laden ihre Lieblingssongs von Marshall hoch. Erst vor ein paar Tagen wurde auf der Facebook-Seite des Ausnahme-Gitarristen eine Aufnahme mit Albie Donnelly und Gregory Gaynair hochgeladen. Die Familie hat offenbar nichts dagegen.

Kurios ist die Facebook-Seite von Alfred Syska. Der langjährige SPD-Politiker war noch bis kurz vor seinem überraschenden Tod am 9. November auf Facebook aktiv. Fast täglich werden seitdem von seinen Freunden Fotos oder Beileids-Nachrichten auf der Seite hochgeladen.

Die Art und Weise der Trauer sei im Wandel, bestätigt Christiane Kamp, Stadtverbandsvorsitzende der Düsseldorfer Bestatter. „Allerdings wird es bestimmt noch 15 Jahre dauern, bis die Traueranzeigen nicht mehr per Brief versendet werden.“ Das Internet habe durchaus Vorteile, wenn es um Tod und Trauer gehe: „Der Tod ist im Netz nicht tabuisiert. Die Hemmschwelle, sich damit zu beschäftigen, deutlich niedriger“, sagt sie.

Allerdings warnt Kamp davor, die Wichtigkeit des realen Bestattungsortes zu unterschätzen: „Viele Trauernde meinen anfangs, dass sie den Weg zum Friedhof nicht brauchen. Trauer muss aber verarbeitet werden, sonst drohen psychische Probleme. Daher sollte der virtuelle Gedenkort den realen eher ergänzen.“

„Persönliche Beileidsbekundungen fallen vielen Menschen schwer“, sagt die Düsseldorferin Miriam K. (58), die vor zwei Wochen ihre 85-Jährige Mutter verloren hat. „Wer sich dennoch nach Anteilnahme und Austausch sehnt, wird bei den sozialen Netzwerken eher fündig.“ Ein persönliches Gespräch sei jedoch für sie viel wichtiger: „Dieser Schmerz ist so heftig und ich habe gemerkt, dass nur gesprochene Anteilnahme wirklich gut tut und angenehm ist.“

Der 21-Jährige Kevin S. ist zwar viel im Internet unterwegs und postet auch gerne Bilder und schöne Erinnerungen bei Facebook. Als im April jedoch seine 51 Jahre alte Mutter starb, war das Internet tabu für ihn: „Diesen Schmerz wollte ich nicht mit der ganzen Welt teilen, das war mir zu fremd und anonym.“